Kommentar

Mehr als nackte Zahlen

Archivartikel

Anja Görlitz zur anstehenden Kita-Entscheidung

 

Es klingt zunächst charmant: Statt für 4,5 Millionen Euro einen Kindergarten-Neubau errichten zu müssen, könnte die Gemeinde für 1,4 Millionen Euro das Provisorium übernehmen und hätte voraussichtlich zwei Jahrzehnte damit Ruhe. Bei steigendem Betreuungsbedarf könnten Module einfach an-, bei sinkendem abgebaut werden. Also alles ganz einfach? Von wegen!

Denn was unterm Strich von den drei Millionen Euro „Ersparnis“ übrig bleibt, ist kaum abzusehen. Um das als Übergangslösung konzipierte Gebäude für die dauerhafte Nutzung zu rüsten, sind – das hat der Ortstermin gezeigt – mehr als kleine Nachbesserungen nötig. Dass mit der Zeit weitere Mängel zutage treten, ist zu befürchten. Ein Fass ohne Boden? Wer weiß. Zudem würde die Pestalozzischule für die Zeit ihrer Sanierung ein alternatives Ausweichquartier benötigen. Auch das wird Geld kosten.

Ganz klar: Andere Kindergärten haben ebenfalls teils erheblichen Modernisierungsbedarf, und Geld kann bekanntlich nur einmal verteilt werden. Die Finanzierung eines Neubaus auf Pump belastet die nächste Generation – das Problem um maximal 20 Jahre zu verschieben, tut es indes auch. All das lässt sich vermutlich noch in nackten Zahlen ausdrücken. Und doch kann die ökonomische Betrachtung nur ein Aspekt der Entscheidung sein. Denn selbst, wenn in dem Provisorium bei Technik oder Ausstattung noch deutlich nachgebessert wird: Die Rahmenbedingungen, die für eine moderne frühkindliche Bildung und Erziehungen erforderlich sind, werden die Erzieherinnen und Erzieher dort kaum bekommen. Wer an dieser Stelle einwirft, man könne auch mit wenig Mitteln gute pädagogische Arbeit leisten: Ja, klar – aber nicht mit 60 und mehr Kindern an rund 250 Tagen im Jahr. Ein Gefühl der Wertschätzung vermittelt das Provisorium ebenso wenig – weder für jene, die dort arbeiten noch für die Kinder und deren Eltern.

In dieser Gemengelage aus Ökonomie und Psychologie müssen die Gemeinderäte ihre Entscheidung treffen. Sie sind wahrlich nicht zu beneiden.