Kommentar

Mehr Gelassenheit

Peter Reinhardt sieht im 20-jährigen Kampf um das Kopftuch in Schulen und Gerichten viel überladene Symbolik

 

Auch nach 20 Jahren ist ziemlich unklar, wie hoch der Streitwert beim Kopftuchverbot für muslimische Lehrerinnen tatsächlich ist. Seit dem Spruch der Verfassungsrichter vor drei Jahren darf im Regelfall das Stück Stoff kein Hindernis mehr bei der Einstellung sein. Niemand weiß, wie viele Musliminnen die Lockerung nutzen. Aber Konflikte vor Ort wurden bisher keine bekannt. Offensichtlich üben die Schulgemeinschaften an dieser Stelle mehr Toleranz aus, als viele Politiker erwartet haben.

Dies lässt im Rückblick den Schluss zu, dass der heftige Streit um Lehrerinnen mit Kopftuch vor 20 Jahren mit Symbolik überfrachtet war. Es war kein Zufall, dass der Konflikt in Baden-Württemberg hochkochte. Denn hier saßen die rechtspopulistischen Republikaner im Parlament und machten Druck auf die etablierten Parteien. Vor diesem Hintergrund war es ausgerechnet die bekennende Katholikin Annette Schavan, die als Kultusministerin beim Kopftuchverbot sehr politisch agierte. Allerdings sollte man bei aller religiösen Toleranz nicht übersehen, dass es durchaus muslimische Kreise gibt, die mit dem traditionsreichen Glaubenssymbol eine politische Haltung transportieren wollen.

In Deutschland ist die Abwägung der Grundrechte schon immer sehr konfliktbeladen gewesen Dass es ganz anders geht, zeigt das Nachbarland Frankreich. Dort sind Kopftücher an staatlichen Schulen verboten, für Lehrerinnen und Schülerinnen. Klare Fronten werden oft leichter akzeptiert. Zumindest sollten die Deutschen mehr Gelassenheit aufbringen.

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