Kommentar

Mehr kümmern

Tanja Tricarico fordert Betriebe auf, angesichts hoher Fehlzeiten den Stressfaktor für ihre Mitarbeiter zu senken

 

Schicksalsschläge machen vor keinem Halt. Weder vor dem Bandarbeiter noch vor dem Finanzbeamten oder dem Abteilungsleiter. Todesfälle in der Familie, eine schwere Krankheit, Scheidung: Davor ist niemand gefeit. Arbeit hilft manchmal, um über persönliche Krisen hinweg zu kommen. Doch nicht in allen Fällen.

Laut AOK-Fehlzeiten-Report fühlen sich mehr als 50 Prozent der Befragten durch die Lebenskrisen in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt. Die Folge: Die Mitarbeiter schaffen ihre Arbeit nicht, melden sich krank. Der Arbeitsausfall ist immens.

Die Wirtschaft kosten die Fehlzeiten in der Belegschaft Millionen. Jedes Jahr. Vor allem langwierige Ausfälle. Schließlich sind gute und spezialisierte Mitarbeiter nicht schnell zu ersetzen. Doch es sind nicht nur die Krisen des Lebens, die die Mitarbeiter aus der Bahn werfen. In vielen Berufen, in denen Stress und Belastung besonders hoch sind, macht sich dann noch stärker bemerkbar, wenn das Privatleben die Mitarbeiter herausfordert. Muss die Pflegekraft zu Hause auch noch ihre demente Mutter betreuen, ist sie doppelt belastet.

Es sind vor allem die älteren Mitarbeiter, die laut Report betroffen sind. Das ist kein besonders überraschendes Ergebnis. Doch wieder einmal müssen Gesundheitsexperten die Wirtschaft darauf aufmerksam machen, sich besser um die ältere Belegschaft zu kümmern. Schließlich wird diese immer größer - dank des demografischen Wandels. Auch das ist keine neue Botschaft.

Gesetze helfen, aber nur zum Teil. Zum Beispiel mit mehr Geld für pflegende Angehörige oder für Eltern, die chronisch kranke Kinder versorgen müssen. Auch eine Anti-Stress-Verordnung für Unternehmen wäre nicht schlecht. Also eine gesetzliche Regelung, die das Arbeitspensum im Blick hat, Veränderungen im Betrieb und die Folgen für die Mitarbeiter berücksichtigt und schlicht den Stress misst, den der Job verursacht. Noch besser wären mehr Rücklagen für ein betriebliches Gesundheitsmanagement. Also regelmäßig bezahlte Auszeiten für die Belegschaft, eine mitarbeiterfreundliche Ausstattung in Büros und Fabriken. Auch ein Betriebspsychologe wäre schön, der sich die Sorgen der Mitarbeiter anhört, ohne dass es dabei um die eigentlichen Arbeitsinhalte geht.

Ob es solche Angebote gibt, ist letztlich eine Frage des Betriebsklimas. Doch gute Stimmung in der Firma und ein Chef, der sich kümmert, sind nur schwer per Gesetz anzuordnen. Dabei sorgt Prävention für betriebswirtschaftliche Stabilität. Und: Lebenskrisen machen vor keinem Halt. Auch nicht vor der Chefetage.