Kommentar

Meinungsflexibel

Archivartikel

Marc Stevermüer über die Rolle des DFB-Präsidenten Reinhard Grindel: Dem ehemaligen CDU-Politiker fehlt es an Haltung

Die Startbedingungen waren ideal. Als Reinhard Grindel im April 2016 Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) wurde, übernahm er das Amt vom blassen Wolfgang Niersbach, der als einzigen bleibenden Eindruck seine fehlende Glaubwürdigkeit in der Affäre um die Vergabe der WM 2006 hinterließ. Grindel musste also keine hohe Hürde überspringen, um besser als sein Vorgänger zu sein. Knapp zwei Jahre später steht fest: Er hat es nicht geschafft.

Ein Profil oder eine Agenda gibt es bei ihm nicht, die Liste der Fehlentscheidungen ist indes lang. Die von ihm protegierte Idee, in der Regionalliga Südwest doch die chinesische U 20 mitspielen zu lassen – ein absoluter Reinfall. Die frühzeitige Vertragsverlängerung von Bundestrainer Joachim Löw, die den Handlungsspielraum des Verbandes nach der verkorksten WM einengte – vollkommen unnötig. Und jetzt wird Grindel auch noch von jemandem unter Druck gesetzt, den er nicht nur in die Ecke drängte, sondern an dem der einstige CDU-Politiker einen Verrat beging: Mesut Özil.

Am 13. Juni gab der DFB-Boss der „Zeit“ ein großes Interview. Angesprochen auf die Bilder, die die Nationalspieler Ilkay Gündogan und Özil mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan hatten machen lassen, nahm er die Spieler in Schutz: „Ich glaube ihnen, nicht abgesehen zu haben, dass es zu einem solchen Foto kommt und dieses durch die Wahlkampfzentrale der AKP veröffentlicht würde.“ Damit hatte sich das Thema für Grindel erledigt – aber nur vorläufig. Denn mit starkem öffentlichen Druck hatte der Präsident nicht gerechnet. Und so schaltete er nach dem desaströsen WM-Aus in den längst bekannten „Rette-sich-wer-kann“-Modus und forderte am 8. Juli im „Kicker“ plötzlich eine Erklärung des schweigenden Özil. Ganz ehrlich: Grauenhafter und unglaubwürdiger kann ein Krisenmanagement kaum sein, doch Grindel zeigte sich mal wieder als „meinungsflexibel“, wie es ein Bundesliga-Manager mal anonym dem „Spiegel“ sagte.

Kurzum: Der DFB-Boss ist ein auf Machterhalt bedachter Opportunist – und ändert seine Meinung immer, wenn er selbst zu Schaden kommen könnte. Den klassischen Grindel-Reflex gab es schon bei der ehemaligen Frauen-Bundestrainerin Steffi Jones zu bestaunen. Nach vollkommen enttäuschender EM verlängerte der Präsident ihren Vertrag im August 2017 – Stichwort Fehlentscheidung. Im März 2018 folgte die Entlassung – Stichwort meinungsflexibel.

Dabei gab ihm die Causa Özil die Chance, sein Profil zu schärfen. Die Zerrissenheit der Nachfolgegeneration türkischer Einwanderer wäre ein prächtiges Thema gewesen, stattdessen wird er nun von Özil für seine Gesinnung kritisiert. Fakt ist: In der ganzen Debatte verurteilte Grindel nicht ein einziges Mal den unterschwelligen Rassismus, der stets mitschwang. Sein Schweigen befeuerte die wirren Meinungen am rechten Rand.

Das heißt aber noch lange nicht, dass Özil richtig liegt mit dem, was er sagt. Im Gegenteil: Der Spieler hat einen Fehler gemacht. Und noch schlimmer: Er hat ihn nicht eingesehen, sondern sieht sich als Opfer. Ein Bekenntnis zu Werten wie Demokratie und Freiheit fehlt. Das kann der DFB nicht dulden. Der Verbandspräsident hat allerdings die Antwort bekommen, die er verdient. Ob Grindel jedoch auch in der Lage ist, ähnlich konsequent wie Özil zu sein, ist unwahrscheinlich. Denn dafür fehlt ihm vor allem eines: Haltung.

 
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