Kommentar

Meistertrainer mit Makel

Archivartikel

Marc Stevermüer zur Situation von Gislason in Kiel

Als Alfred Gislason den THW Kiel im Sommer 2008 übernahm, war die Handball-Welt noch eine andere. Es gab keinen Scheich, der in Paris Saint-Germain investierte. Keinen niederländischen Unternehmer, der im polnischen Kielce eine Weltklasse-Mannschaft aufbaute. Und keinen russischen Oligarchen, der sein Geld in Mazedonien bei Vardar Skopje anlegte. Die besten Spieler der Welt gingen damals zum FC Barcelona, zu Ciudad Real oder eben zum THW Kiel – und aus einer Ansammlung von Topstars machte der Trainer tatsächlich eine Mannschaft, die den europäischen Handball zwischen 2010 und 2012 mit zwei Champions-League-Titeln dominierte. Unvergessen bleibt auch die Meisterschaft ohne Minuspunkt im Jahr 2012.

All diese Titel sprechen für sich – und für den Trainer Gislason, dem allerdings in dieser Zeit auch einer der besten Kader aller Zeiten zur Verfügung stand. Doch seitdem es Investoren in Paris, Kielce und Skopje gibt, spielen die Weltbesten nicht mehr automatisch in Kiel.

Gislason ist deshalb seit einigen Jahren gefordert, selbst etwas zu entwickeln, was nur bedingt gelang. Trotz des nach wie vor höchsten Etats in der Bundesliga holten die Norddeutschen in den vergangenen drei Spielzeiten nur einmal den DHB-Pokal, zuletzt verpasste der Club sogar die Champions League. Und auch in dieser Saison dürfte es nicht für Platz eins in der Liga reichen, weshalb Gislasons Amtszeit in Kiel mit einem Makel versehen ist: Den Nachweis, eine Meistermannschaft aufbauen zu können, erbrachte der Isländer nicht.