Kommentar

Menschen vor Zahlen

Martin Geiger findet, dass es mehr Jobs für Behinderte geben und der Staat dafür mehr tun muss

Deutschland erlebt ein Jobwunder. Seit Jahren steigt die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Und trotzdem gibt es eine Gruppe von Menschen, die davon kaum profitiert. Die Langzeitarbeitslosen. Nicht wenige davon sind Behinderte. Nun hat ein Bericht der Bundesagentur für Arbeit Mängel bei deren Betreuung durch die Jobcenter festgestellt. Das ist bedrückend.

Doch anstatt nun auf die Jobcenter einzuprügeln, sollte man die Frage stellen, warum das so ist. Denn die Behörden sind nur mittelbar verantwortlich. Das eigentliche Problem besteht aus mindestens zwei anderen Faktoren.

Erstens gibt es in unserer so sehr auf wirtschaftliche Kennzahlen ausgerichteten Leistungsgesellschaft kaum noch Nischen für schwächere Menschen. Das bedeutet, es gibt auch kaum Stellen für sie. Wo es sie mal gegeben hat, sind sie zumeist wegrationalisiert worden. Zwar bestehen gesetzliche Vorschriften zur Beschäftigung Behinderter. Doch viel zu viele Unternehmen kaufen sich davon frei. Und die Berater im Jobcenter können eben nur die Stellen vermitteln, die sie haben.

Der zweite Faktor ist, dass der Rationalisierungswahn auch vor den einstigen „Amtsstuben“ nicht haltgemacht hat. Schneller, effektiver, günstiger: So lautet längst auch dort das Motto. Wen wundert es da, dass darunter die Qualität der Vermittlung leidet? Da nützt es auch nichts, wenn man das Amt nun Agentur nennt oder die Arbeitslosen Kunden.

Viel wichtiger ist, dass der Staat sich wieder darum kümmert, dass auch die Schwächeren ihren Platz auf dem Arbeitsmarkt finden. Denn Beschäftigung ist mehr als Broterwerb: Sie ist Aufgabe, Struktur, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Arbeitsminister Hubertus Heil hat richtige Vorschläge dafür gemacht. Das mag sich wirtschaftlich nicht rechnen. Letztlich darf es aber nicht nur um die Zahlen gehen. Sondern um die Menschen.