Kommentar

Menschlichkeit gefragt

Archivartikel

Hans-Jürgen Emmerich mahnt positive Entscheidung an

Wenn man Letikidan Hogas mit ihrem kleinen Sohn Milkyas auf dem Schoß strahlen sieht, ahnt man nichts von ihrem Schicksal. Von der Verfolgung in Eritrea, von der Verschleppung ihres ersten Mannes, von der Flucht im Schlauchboot übers Mittelmeer. Und doch ist das alles für sie noch immer präsent.

Fast sechs Jahre sind inzwischen vergangen, seit sie ihre Heimat unfreiwillig verlassen hat, mehr als vier Jahre wohnt sie bereits in Deutschland. Und trotzdem lebt sie noch immer in Angst. Nicht vor Verfolgung, wie in Eritrea, sondern vor Ungewissheit, was ihre Zukunft betrifft. Mit ihrem Verfahren ist die heute 30 Jahre junge Frau in die Mühlen der Asylbürokratie geraten, hat die Rechtsmittel genutzt, die ihr zur Verfügung stehen und wartet noch immer auf eine endgültige Entscheidung.

70 Prozent aller Flüchtlinge aus Eritrea werden in Deutschland als Asylbewerber anerkannt. An sich hat damit auch Letikidan Hogas eine gute Bleibeperspektive, wie es im Fachjargon heißt. Dass ihr Verfahren allerdings so lange dauert, ist unerträglich. Niemand kann absehen, wann der Europäische Gerichtshof über das entscheidet, was ihm das Bundesverwaltungsgericht zur Klärung vorgelegt hat. Da können Monate, wenn nicht gar Jahre ins Land gehen. Danach wird ihr Antrag im schlimmsten Fall nur deshalb abgelehnt, weil ihre dramatische Flucht nicht in Deutschland, sondern in Italien geendet hat. Eine junge Familie, die sich jahrelang in Deutschland integriert und hier eine neue Heimat gefunden hat, verdient ein solches Schicksal nicht. Es wäre schlicht und ergreifend ein Akt der Menschlichkeit, den Eltern und den beiden Kindern hier bei uns eine dauerhafte und sichere Zukunft zu ermöglichen.