Kommentar

Moralische Verwahrlosung

Thorsten Langscheid über aggressives Gaffen bei Unfällen

Schwerverletzte oder sterbende Unfallopfer filmen, Rettungssanitätern, Feuerwehrleuten oder Polizeibeamten bei ihrer oft extrem belastenden Arbeit im Weg stehen, sie mit gezücktem Smartphone bedrängen und sogar beschimpfen – warum machen immer mehr Menschen sowas? Wegen des kurzlebigen Ruhms, das coolste Instagram-Bild oder schnellste Youtube-Video hochgeladen zu haben? Die verstörende Antwort lautet: ja, offensichtlich genau deswegen.

Denn mit einfacher, menschlicher Neugier lässt sich die zunehmende Tendenz zum aggressiven Gaffen nicht mehr erklären. Smartphone-Voyeurismus nennen leidgeprüfte Ordnungshüter das Phänomen. Hass und Hetztiraden in sozialen Netzwerken sowie ungezügelte Sensationslust am Leid anderer sind Ausdruck eines gesellschaftlichen Problems; man könnte auch sagen, es ist eine moralische Verwahrlosung, gegen die es energisch vorzugehen gilt. Wo kommen wir denn hin, wenn die Polizei zusätzlich Personal abstellen muss, um Rettungskräfte im Einsatz vor skrupellosen Handy-Egomanen zu schützen?

Braucht es also härtere Strafen für Gaffer? Die kann man fordern – ob sie das Problem lösen, ist allerdings eher unwahrscheinlich. Denn die bestehenden Gesetze bieten durchaus Möglichkeiten, gegen Uneinsichtige und Wiederholungstäter nachhaltig durchzugreifen. Das heißt aber: mehr Arbeit für Strafverfolgungsbehörden und Gerichte, damit Smartphone-Voyeuren ihr verabscheuungswürdiges Handwerk gelegt werden kann.