Kommentar

Nahe am Trauerspiel

Archivartikel

Stefan M. Dettlinger über das Schwetzinger Festival und den Sparkurs

Sie hat es nicht leicht, Heike Hoffmann, sie kam als Macherin der Schwetzinger Festspiele vor drei Jahren eindeutig nach der Goldenen Ära in die Spargelstadt. Der SWR spart. Das Festival wird dünner. Mit dieser Wirklichkeit muss Hoffmann umgehen. Hinzu kommt allerdings, dass sie, nun ja, in den letzten Gesprächen keine ausdrückliche Liebe zu Oper und Musiktheater gezeigt hat. Anders ist auch nicht zu erklären, dass die teure Luxusgattung im Rokokotheater nur noch halb oder gar nicht inszeniert stattfindet.

Stattdessen setzt Hoffmann auf Crossover, kreiert Formate aus Tanz und Performance. Das ist gut. Das gibt es heute aber landauf, landab. Ein Alleinstellungsmerkmal wurde aufgegeben, ein neues kommt nicht hinzu. Schade.

Spannend und wichtig

Dafür drängt sich im kommenden Jahr ein Jubiläum auf: Beethovens 250. Geburtstag am 17. Dezember). Und Hoffmann will mehr. Unter dem ehemaligen Motto des Kunstfests Weimar, „Ideale“, bindet sie Beethoven in einen größeren Kontext ein, stößt mit Hölderlin und vor allem Hegel (beide wie Beethoven 1770 geboren) das Tor in Richtung Ideengeschichte Europas auf. Das ist gerade heute spannend und wichtig, wo es an den Rändern der Gemeinschaft gefährlich bröselt. Es geht um demokratische Gesellschaft, Religionsfreiheit, Selbstbestimmung, Ökonomie und aktuell Ökologie, um Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Die Ideale der Revolution.

Das ist nicht wenig und ambitioniert. Doch wie beim Heidelberger Frühling stellt sich die Frage, inwiefern ein Motto mit Kunst auszufüllen ist. Indem einfach Beethoven rauf und runter gespielt wird? Sicher nicht. Musik ist stark, gerade weil sie ohne Begrifflichkeit auskommt. Um aber konkrete Dinge des angesprochenen Idealismus zu verorten, braucht es das Wort. Da freilich helfen Abende wie der mit Rüdiger Safranski, auch Hölderlin-Lieder oder die beiden Opern.

Ein politisches Festival, wie im Vorwort angedeutet, werden die Schwetzinger Festspiele dadurch nicht. Doch zumindest lenkt der „Ideale“-Reigen um das Dreigestirn Beethoven-Hölderlin-Hegel sowie das attraktive Musikprogramm davon ab, dass das, was der SWR mit seinem einstigen Musterknaben Oper macht, einem Trauerspiel gleicht.

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