Kommentar

Neidische Blicke

Marc Stevermüer zur Situation der Bundesliga

Es lohnt sich ein Blick in die Geschichtsbücher. Zum ersten Mal seit 2009 steht der deutsche Fußball-Meister noch nicht vor dem 34. Spieltag fest. Das galt zuletzt als genauso wenig vorstellbar wie die Tatsache, dass damals der VfL Wolfsburg den Titel holte. Zuletzt feierte der FC Bayern sechs Meisterschaften in Folge, wahlweise schon im März oder April, mutmaßlich wird er sich auch am Samstag erneut krönen, was dann trotz der Entscheidung am letzten Spieltag etwas von Langeweile hat.

Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass sich immer mehr deutsche Fans der Premier League zuwenden und neidisch über den Ärmelkanal blicken. Das Niveau der englischen Liga ist überragend und Abwechslung garantiert – auch wenn Manchester City erneut die Meisterschaft gewann. Aber: Es war die erste Titelverteidigung auf der Insel seit 2009. Und was die enorme nationale Konkurrenz für Folgen in den Europapokal-Wettbewerben hat, zeigte die vergangene Woche. Vier Teams von der Insel stehen in den beiden Endspielen, auch weil sie wöchentlich in der Premier League maximal gefordert werden und sich gegenseitig zu absoluten Höchstleistungen antreiben.

Niveau sinkt konsequent

Gewiss: Die finanziellen Möglichkeiten auf der Insel sind andere als in Deutschland, aber reflexartig immer nur darauf zu verweisen und damit das katastrophale deutsche Abschneiden im Europapokal oder das konsequent gesunkene Niveau der Bundesliga zu erklären, greift zu kurz. Der deutsche Fußball steckt in einer tiefen Krise, das Vorrunden-Aus bei der WM, der Abstieg aus der Nations League und die Misserfolge in der Champions League sind allesamt kein Zufall und in erster Linie selbst verursachte Probleme.

Tottenham, Manchester City und Liverpool setzen seit Jahren auf ihre Trainer Mauricio Pochettino (2014), Pep Guardiola (2016) und Jürgen Klopp (2015). Die drei Clubs vertrauen der sportlichen Kompetenz ihrer Coaches und verfolgen eine klare Strategie bei ihren Transfers, um Schwachstellen zu beheben, so wie es Liverpool mit Virgil van Dijk und Alisson Becker machte. In München wurde Carlo Ancelotti entlassen, Jupp Heynckes zu einer Rückkehr überredet und nun Niko Kovac infrage gestellt. Dazu kommt der überalterte Kader. Und was Schalke 04 in den vergangenen Jahren angerichtet hat, muss man gar nicht erst vertiefen.

Auch beim Nachwuchs hakt es

Umso dramatischer werden die Folgen für den gesamten deutschen Fußball, wenn er dann auch in der Nachwuchsarbeit nicht mehr zu den Weltbesten gehört. England hat auch hier die Bundesliga abgehängt, weil die Briten eben nicht nur Stars einkaufen. Bei den Champions-League-Finalisten Tottenham und Liverpool gehören selbst ausgebildete Spieler zum Stammpersonal, die englischen Nachwuchs-Nationalmannschaften räumten in den vergangenen Jahren ab.

Ein bisschen mehr deutsche Selbstkritik wäre deshalb angebrachter als der schulterzuckende Verweis auf das britische Geld – auch wenn das natürlich bequemer ist.

 
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