Kommentar

Neue Allianzen?

Inna Hartwich zum Russlandbesuch von Kanzlerin Merkel: Berlin blickt nach Moskau, weil Washington ein Vakuum hinterlassen hat

Sie duzen sich, sie wirken vertraut, sie sprechen zuweilen dieselbe Sprache: Als Bundeskanzlerin Angela Merkel und der russische Präsident Wladimir Putin nach ihren mehrstündigen Gesprächen durch eine Tür im Senatorenpalast des Kreml treten, geben sie sich betont zugewandt. Die Krisenherde im Nahen und Mittleren Osten, aber auch in Nordafrika haben sie zusammengebracht, auch wenn beide nicht von einem Krisentreffen sprechen wollen.

Entstehen hier neue Allianzen? Die Kühle vor bald fünf Jahren, als Merkel zum letzten Mal in Moskau war, ist einer Einigkeit gewichen. Damals, so kurz nach der russischen Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim, hatte Merkel die russische Politik in der Ukraine als verbrecherisch verurteilt. Nun aber brauchen beide Länder einander, weil die Deutschen um den Einfluss der Russen in Syrien, Iran und Libyen wissen und die Russen meinen, die Deutschen könnten auf die US-Amerikaner einwirken. Berlin aber fehlt angesichts der Selbstbezogenheit Washingtons nach der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten die Unterstützung. Es sucht sie nun in Moskau – und findet hier ein wohlwollendes Interesse.

Denn in das Vakuum, das die Amerikaner in Nahost hinterlassen haben, sind längst andere Akteure gestoßen. Akteure, die skrupellos genug sind, die militärische Kraft, die sie haben, auch als solche einzusetzen – und sich dann als Konfliktlöser zu geben. Die Türken, die Russen, die Iraner: Berlin versucht, sich mit ihnen zu arrangieren, um auch die Friedenspolitik der EU voranzubringen. Um endlich nicht mehr nur Zaungast zu sein wie in Syrien. Deshalb auch die Idee, eine internationale Libyen-Konferenz auszurichten. Washington zwingt Europa, sich nicht mehr allein auf Washington zu verlassen. Moskau springt auch hier gern in den Leerraum, weil es seinem eigenen Interesse dient. Eine Allianz aber muss gewichtigere Gründe haben als reine Machtpolitik der Russen ohne jegliche Werte und Ideologien.