Kommentar

Neue Arbeiterpartei

Werner Kolhoff sieht den Erfolg der AfD darin, dass der SPD und der Linken der emotionale Bezug zu ihrer klassischen Klientel verloren gegangen ist

Dass die AfD in den sogenannten abgehängten Gebieten des Ostens vorne liegen würde, war vermutet worden. Überraschender sind die anderen Befunde der Wahlanalyse: Die Rechtspopulisten schneiden in den mittleren Altersgruppen am besten ab. Es sind also keineswegs nur Wendeverlierer, die für sie gestimmt haben. Und sie sind unter den Arbeitern die klar stärkste Partei geworden. In Sachsen kommt die AfD in dieser Berufsgruppe auf 41 Prozent. Ähnlich in Brandenburg.

Bei SPD und Linken dürfte das Werk des französischen Soziologen Didier Eribon, „Rückkehr nach Reims“, nun wohl stärker nachgefragt sein. Er hat für Frankreich analysiert, warum die Arbeiterklasse von ganz links nach ganz rechts wandert. Ein Befund: Nationalismus und Rassismus waren dort nie verschwunden. Ein weiterer: Diese Schicht reagiert sehr sensibel auf Veränderungen und neue Konkurrenzen. Im deutschen Osten kommt noch eine spezielle kulturelle Prägung hinzu: Ökologie, antiautoritäre Erziehung, multikulturelles Zusammenleben, demokratischer Diskurs – all das sind Westimporte, gelebt vor allem in den Großstädten. Der Osten ist eine Region, in der andere Werte dominieren.

Sahra Wagenknecht, die ihren Eribon gut gelesen hat, hatte für die Linke schon vor Jahren Konsequenzen angemahnt, vor allem in der Flüchtlings- und Migrationspolitik. Ebenso ihr Ehemann Oskar Lafontaine.

In der SPD flammte die Debatte nur einmal kurz auf, als man nämlich registrieren musste, dass die dänischen Sozialisten mit ihrem harten Kurs gegen Migranten Erfolge feierten. Auch ließen Andrea Nahles und ihr Vorgänger Sigmar Gabriel manchmal eine Ahnung von der Problematik durchschimmern.

Doch in beiden Parteien dominieren akademische Milieus. Beiden ist der emotionale Bezug zur Arbeiterschaft weitgehend verloren gegangen. Dafür müssten sie mit ihren sozialen Forderungen wie Grundrente, faire Arbeit und Vermögenssteuer radikaler werden, ganz besonders die SPD. Und in der Migrationspolitik sowie bei der inneren Sicherheit restriktiver, ganz besonders die Linke. Bisher sind Debatten darüber bei SPD und Linken tabu – während in der AfD der Höcke-Flügel schon an einer national-sozialen Programmatik arbeitet, die das Flüchtlingsthema ergänzen soll. Wenn der AfD das gelingen sollte, wird es für SPD wie Linke auch im Westen schwierig.

Zum Thema