Kommentar

Neue Hoffnung

Genau 1207 Tage nach dem Brexit Referendum im Vereinigten Königreich, 927 Tage nach dem offiziellen Austrittsantrag und 20 Tage vor dem ultimativen Brexit-Datum macht ein Freitag noch lange keinen Durchbruch. Dass der britische Premierminister Boris Johnson nicht bei den offiziellen Verhandlungen über ein Abkommen zum Austritt seines Landes aus der EU konstruktive Signale aussandte, passt zum Bild. Bis zur buchstäblich letzten Minute lässt der britische Regierungschef keine Gelegenheit aus, um Freund und Feind zu brüskieren. Nun wählte er offenbar einen Nebenschauplatz bei einem Treffen mit seinem irischen Nachbarn Leo Varadkar, um so etwas wie einen neuen Ansatz einzubringen.

Das passt ins Bild: Schließlich würde es Johnson zum einen erlauben, sich zu Hause als derjenige zu profilieren, der den Brexit zur Zufriedenheit aller möglich gemacht hat. Zum anderen muss er nicht vor dieses „Tribunal“ der EU-Staats- und Regierungschefs treten und dort einknicken. Johnson wird den Kompromiss, wenn er zustande kommt, als Vereinbarung unter Nachbarn darstellen. Doch solche Spielereien dürfen der EU egal sein, wenn nur die Katastrophe eines Bruchs ohne Deal abgewendet wird. Sogar Johnson ist längst klar: Diese Situation würde sein Land schwer beschädigen.

Briten und Europäer sitzen also weiter an einem Tisch – das ist die gute Nachricht. Die Zeit läuft ihnen davon – das könnte heilsam sein. Aber für mehr als nur eine bange Hoffnung gibt es keinen Grund. Das Schreckgespenst eines harten Bruchs ohne Deal schwebt weiter wie ein Damoklesschwert über London und Brüssel. Der EU-Gipfel nächste Woche könnte zu einem historischen Ereignis werden.

 
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