Kommentar

Neustart in der Nische

Archivartikel

Marc Stevermüer zur Karriere von Mario Götze

Es ist nicht allzu lange her, da sprach Mario Götze davon, die Champions League gewinnen zu wollen. Seine Worte sorgten für Erstaunen, manch einer warf ihm angesichts seiner Ansprüche gar fehlenden Realitätssinn vor. Schließlich war er zu diesem Zeitpunkt nichts anderes als ein arbeitsloser Fußballer. Was Götze aber ebenfalls sagte, ging in all dem Getöse unter. Es wollte vielleicht aber auch keiner hören, weil es nicht so gut in die Geschichte vom sich selbst überschätzenden und aufs Abstellgleis geratenen WM-Helden passte. Dabei schlug er ebenso bescheidene Töne an und betonte, dass es ihm beispielsweise nicht um Geld ginge.

Bei der PSV Eindhoven wird der Edeltechniker ganz sicher Abstriche machen müssen. Der Verein spielt noch nicht einmal in der Champions League und ist dazu in der international eher zweitklassigen niederländischen Liga beheimatet. Das klingt jetzt nicht nach Götzscher Großmannssucht, sondern – wenn man es negativ auslegen will – nach Absturz. Genauso gut könnte man aber auch von Vernunft und einer durchdachten Entscheidung sprechen.

Denn nun ist Götze erst einmal raus aus dem Rampenlicht, was für ihn von Vorteil sein sollte. Seit Jahren scheint es nämlich eher so, als ob nicht nur der Helden-Status als WM-Siegtorschütze wie Blei auf seinen Schultern liegt, sondern auch der damalige Satz von Bundestrainer Joachim Löw: „Zeig der Welt, dass du besser bist als Messi…“ Manch einer dachte das nach dem traumhaft schönen Finaltor vielleicht wirklich und erwartete Wunderdinge, die dann aber eben doch nur Messi beherrscht, was ja auch irgendwie beruhigend ist.

Wenig gefragte Qualitäten

Messi bleibt also eine Ausnahmeerscheinung – und Götze ein herausragender Fußballer. Wahrscheinlich ist er sogar einer der technisch Versiertesten, die es jemals in Deutschland gab. Der Ex-Dortmunder passt präzise, handelt schnell, verarbeitet selbst schwierigste Anspiele sauber, beherrscht das Kombinationsspiel und ist auf engstem Raum so etwas wie ein Ballmagnet. Sein Problem: Diese Qualitäten sind kaum mehr gefragt im sich stark wandelnden internationalen Fußball, weil nur noch sehr wenige Mannschaften diesen Ballbesitz-Ansatz verfolgen. Erst recht auf höchstem Niveau. Eigentlich nur der FC Bayern, Manchester City und der FC Barcelona. Nicht umsonst dachten die Münchner darüber nach, Götze aufgrund seiner Fertigkeiten noch einmal zu verpflichten.

Für den WM-Helden wäre der Job als Teilzeitkraft beim Champions-League-Sieger vielleicht der bequemere Weg gewesen. Niemand hätte von ihm dort die Wende erwartet. Doch der 28-Jährige will es noch einmal wissen, es allen beweisen und entschied sich für eine Herausforderung in der niederländischen Nische, die spannender kaum sein könnte – verbunden mit einem Rückschritt, der keinesfalls das Schlechteste sein muss. Nicht jede Karriere endet schließlich so erschreckend wie die seines WM-Kollegen Kevin Großkreutz.

Zum Thema