Kommentar

Nichts verstanden

Marc Stevermüer zur Kollegenschelte von Andi Wolff

Sportler mit Ecken und Kanten sind gut. Sie werden einfach gebraucht, aber leider immer seltener. Und entsprechend vermisst. Andreas Wolff ist solch ein Typ. Der Handball-Nationaltorwart sagt, was er denkt, ist ehrgeizig und selbstbewusst. Ohne ihn wäre Deutschland niemals 2016 Europameister geworden. Wolff war wichtig wegen seiner Paraden, vor allem aber wegen seiner Art, weil er von Beginn an vom Titelgewinn sprach. Niemand nahm das damals zunächst ernst. Doch von Tag zu Tag steckte der Keeper jeden mit seiner Besessenheit an. Das Ende ist bekannt.

Schwierig wird es mit solch einem Alfatier aber immer dann, wenn aus einem unbequemen ein unbeugsamer Spieler, wenn aus einem Querkopf ein Querulant, wenn aus einem Egomanen ein Exzentriker wird. Der Grat ist manchmal schmal, die Absturzgefahr entsprechend hoch. Und Wolff ist gestürzt. Über sich selbst. Weil er sich anmaßte, in einer stillosen Attacke seine früheren Kieler Vereinskollegen Hendrik Pekeler, Patrick Wiencek und Steffen Weinhold wegen deren WM-Absagen zu verurteilen.

Eine bodenlose Frechheit

Nur noch einmal zur Erinnerung: Der Deutsche Handballbund (DHB) hat seinen Spielern freigestellt, nach Ägypten zu reisen. Jeder konnte das für sich entscheiden. Damit war die Sache erledigt. Eigentlich. Bis sich Wolff nun größer machte als die Mannschaft, gar als der ganze Verband. Seine Worte haben wahrlich nichts mit einem mündigen Spieler zu tun, auch wenn das der DHB nun so hinstellt. Seine Sätze sind vielmehr dummes Geschwätz, eine bodenlose Frechheit. Und er sollte sich dafür nicht nur schämen, sondern entschuldigen. Weil der 29-Jährige die Werte und die Ideale eines Mannschaftssports mit Füßen getreten und noch dazu in keiner Weise verstanden hat, worum es eigentlich geht, worauf es momentan ankommt.

In Deutschland sterben gerade täglich etwa 1000 Menschen an einer Corona-Infektion, in Ägypten wird ab nächster Woche vor Publikum eine Weltmeisterschaft gespielt. Die Meinung von Wolff dazu wäre interessant, aber es gibt sie nicht. Zumindest keine klare, was äußerst ungewöhnlich für einen Mann der sonst so deutlichen Worte ist. Für einen Lautsprecher, der fast immer zu allem etwas zu sagen hat. Nun lässt er aber nur wissen, dass es ihm egal sei, ob die Zuschauerauslastung bei 0 oder 30 Prozent liege. Aha.

Schwer erträgliche Arroganz

Dabei hätte man doch gerade von ihm sehr gerne etwas Kritisches in dieser Angelegenheit gehört, weil seine Meinung eine gewisse Strahlkraft hat. Doch Wolff zog es vor, in einem Anflug von nur noch schwer zu ertragender Arroganz seine Nationalmannschaftskollegen zu maßregeln, ihre Gefühle, ihre Ängste und ihr Verantwortungsbewusstsein für ihre Familien zu ignorieren, sie als Spieler hinzustellen, die ihr Team und das Land im Stich lassen. Was natürlich Blödsinn ist. Und offenbar vergaß er auch, dass er genau mit diesen Jungs irgendwann mal wieder zusammen auf dem Feld stehen soll.

Keine Frage: Wolff verdient Respekt, dass er in Ägypten spielt und sich für seine Sportart einsetzt. Allen Daheimgebliebenen gebührt aber die gleiche Anerkennung für ihre Entscheidung. Es gibt kein richtig und kein falsch. Das haben eigentlich alle verstanden. Nur einer nicht.

 
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