Kommentar

Niedergang auf der Insel

Alexander Müller zur Situation in den englischen Stadien

Nick Hornby hat dem FC Arsenal in seinem Bestseller „Fever Pitch“ ein literarisches Denkmal errichtet. „Du suchst Dir nicht Deinen Verein aus, sondern Dein Verein sucht sich Dich aus“, philosophierte der britische Schriftsteller in seiner Hommage an die Magie des Fußballs im Jahr 1992. Die knapp 1000 Fans von Eintracht Frankfurt, die sich trotz der fragwürdigen Uefa-Sperre zum Europa-League-Duell in das gähnend leere Emirates Stadium gemogelt hatten, dürften sich über Hornbys Liebeserklärung an den Club aus dem Londoner Norden wundern.

Das atmosphärische Trauerspiel am Donnerstagabend verdeutlichte den fortschreitenden Niedergang der Fankultur im englischen Fußball am Beispiel des einst fiebrigen Traditionsvereins FC Arsenal, der längst zu einem seelenlosen Spielzeug seiner internationalen Investoren verkommen ist. Und es führte noch einmal nachdrücklich vor Augen, welchen Schatz wir in der Bundesliga zu hüten haben: Erst echte Emotionen und authentische Liebe zum eigenen Club, wie sie der Anhang der Eintracht idealtypisch verkörpern, machen das Spiel faszinierend.

Atmosphärisches Trauerspiel

Gewiss, auch die Frankfurter kämpfen mit den unschönen Nebenwirkungen der Kommerzialisierung des Spitzenfußballs. Im Sommer bekamen die Hessen ihr komplettes Angriffstrio weggekauft und mussten wieder eine neue Mannschaft aufbauen. Doch während bei Arsenal Pierre-Emerick Aubameyang, der sich vor zwei Jahren skrupellos aus Dortmund wegstreikte, eine sündhaft teure Ansammlung von Ich-AGs als Kapitän auf den Rasen führt, funktionieren die Hessen trotz des personellen Umbruchs weiterhin als Team. Wie furios sich die Eintracht nach einer erschreckend schwachen ersten Halbzeit im zweiten Durchgang bei einem individuell klar besser besetzten Gegner zurückkämpfte, verdient die plakative Umschreibung aus dem Fußballer-Deutsch: Mentalitätsmonster.

Es ist nicht überliefert, ob Nick Hornby sich das aus Arsenal-Sicht trostlose Spiel gegen Frankfurt angesehen hat. Nimmt man jedoch seine eigenen Zeilen aus „Fever Pitch“ zum Maßstab, wird der britische Autor in der nächsten Zeit leiden müssen: „Zum ersten, aber nicht zum letzten Mal begann ich zu glauben, dass Arsenals Zustand meinen eigenen reflektierte.“

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