Kommentar

Nur gut gemeint

Archivartikel

Peter Reinhardt kritisiert die drohende Abhängigkeit Deutschlands vom Importstrom: Probleme werden über die Grenze verlagert

Die Probleme im deutschen Stromnetz nehmen in den nächsten Jahren stark zu. Vor allem weil der Wind ein unzuverlässiger Partner bei der Energieerzeugung ist, gibt es schon seit Jahren mehr kurzfristige Stromunterbrechungen und Spannungsschwankungen. Die Zweifel wachsen, dass die leistungsstarken Übertragungsleitungen vom windreichen Norden zu den großen Verbrauchern im Süden rechtzeitig fertig werden, um das längst beschlossene Aus der letzten Kernkraftwerke in Baden-Württemberg und Bayern zu kompensieren.

Experten rechnen jetzt vor, dass Deutschland mehr Strom aus dem Ausland zukaufen muss, um die Lücken zu füllen. Vorbei die Zeiten, als die deutschen Erzeuger den Franzosen mit ihren vielen Atomkraftwerken in Notfällen mit Exporten aus der Patsche helfen konnten. Mit der wachsenden Abhängigkeit von Stromimporten stellt sich die Glaubwürdigkeitsfrage für die deutsche Politik. Wer hierzulande die Kernkraftwerke abschaltet und anschließend die Versorgung mit Atomstrom aus dem benachbarten Frankreich sichert, verschließt die Augen vor den sicherheitstechnischen Realitäten. Das wäre eine Verlagerung von echten oder vermeintlichen Risiken über die Grenze. Dabei würden atomare Unfälle zumindest der grenznahen Meiler in Deutschland genauso ihren Niederschlag finden.

Noch schwieriger zu rechtfertigen wäre eine Energiewende, bei der in Deutschland Kohlekraftwerke abgeschaltet werden und anschließend Ersatz aus polnischen Anlagen käme. Damit würde die versprochene Klimawende ins Absurde geführt. Denn dem Weltklima ist es völlig egal, ob der Dreck aus alten deutschen oder noch älteren polnischen Anlagen kommt. Eher wäre es so, dass mit der Auslagerung der Erzeugung die Belastungen für die Umwelt in der Summe zunehmen. Bisher haben es die Deutschen erstaunlich gelassen hingenommen, dass sie Rekordpreise für Strom bezahlen. Wenn es jetzt noch teurer wird und auf Kosten der Umwelt geht, könnte die Stimmung kippen. Es reicht nicht, in den eigenen Vorgarten zu schauen, wie dies die Kohlekommission gemacht hat. Energiepolitik muss endlich das Ganze in den Blick nehmen.