Kommentar

Stephan Alfter zur Aufklärung von Missbrauchstaten

Öffnet die Kirchenarchive!

Die katholische Kirche in Deutschland steckt in einer nicht enden wollenden Krise und erreicht nun – auch in regionaler Hinsicht – einen weiteren Tiefpunkt. Sogar der mit dem Leibniz-Preis ausgezeichnete Kirchenhistoriker Hubert Wolf gelangte kürzlich zu der Überzeugung, dass die Geistlichkeit in aktuellen Debatten „kaum noch relevant“ ist. Wer wolle notorischen Lügnern schon glauben?, fragte er bissig angesichts der Vorgänge im Bistum Köln. Und um der Kritik die Krone aufzusetzen, urteilte er, dass „die katholische Kirche auf dem Weg zur fundamentalistischen Sekte“ sei. Rumms. Leider kann man dem Mann nicht widersprechen.

Um zu erkennen, dass der Kirche tatsächlich viele Menschen den Rücken zuwenden, braucht man keine Brille mehr. Ein Brandbeschleuniger war der Missbrauchsskandal am Berliner Canisius Kolleg im Jahr 2010, wo zwei Jesuitenpater unzählige Schüler missbraucht hatten. In der Region ist zuletzt das Bistum Speyer ins Blickfeld gerückt, weil ein Missbrauchsopfer von einem Gericht eine Entschädigungszahlung zugesprochen bekam, nachdem der Mann glaubwürdig berichtet hatte, hundertfach von einem hochrangigen Geistlichen vergewaltigt worden zu sein. Über die Weihnachtsfeiertage hatte der unabhängige Missbrauchsbeauftragte obendrein alle Hände voll zu tun, sämtliche Kontaktanfragen zu bewältigen.

Unübersehbar ist derweil, dass selbst die Deutsche Bischofskonferenz und die angeschlossenen Bistümer völlig uneins sind hinsichtlich einer Zukunftsstrategie. Da gibt es die Bewahrer, die Vertuscher und die Verhinderer von Transparenz einerseits, und es gibt jene, die sich etwas ungeschickt vorantasten, um die katholische Kirche in Deutschland eventuell ins 21. Jahrhundert zu holen, wo sie bisher als verkrustete Parallelgesellschaft wahrgenommen wird. Als der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann kürzlich den Namen eines Missbrauchstäters aus den eigenen Reihen nannte, staunten einige nicht schlecht. Die meisten merkten indes schnell, dass er ein Getriebener war. Gleichzeitig versucht er sich – etwa gemeinsam mit Kardinal Marx – als Erneuerer auf dem „Synodalen Weg“ zu positionieren. Konsequent ist Wiesemann darin aber nicht, wenn man sich anschaut, dass der derzeit gefragteste Mann im Bistum – der Missbrauchsbeauftragte – kein eigenes Büro hat und ehrenamtlich von daheim aus arbeitet. Wie soll man das ernst nehmen? Und vor allem: Wer öffnet endlich die Archive in den Bistumskellern – zumindest für die Opfer dieser Kirche?

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