Kommentar

Ohne Fans ist alles nichts

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Alexander Müller zieht eine Bilanz des Sport-Jahres 2020

Was als Super-Sportjahr 2020 angekündigt war, entpuppte sich als „Annus horribilis“. Ein schreckliches Jahr liegt hinter uns, die Auswirkungen der Corona-Pandemie führten auch für den Sport zu einer Belastungsprobe historischen Ausmaßes. Viele olympische Disziplinen standen aufgrund abgesagter Wettbewerbe fast still, was die betroffenen Athleten nicht selten in die Sinnkrise und wirtschaftlich an den Abgrund führte. Der Amateur- und Breitensport musste aus nachvollziehbarer Sorge wegen hoher Infektionszahlen zweimal sogar komplett gestoppt werden. Wie viele Kinder und Jugendliche die kleineren Vereine dauerhaft an die Spielkonsole verlieren werden, ist nicht absehbar.

Seelenlose Geisterspiele

Wo mit strengen Hygienekonzepten, hohen Fernseheinnahmen oder staatlicher Gelder im Profibereich weitergespielt werden konnte – wie im Fußball, Tennis, Handball, Basketball und zuletzt auch wieder im Eishockey –, sorgt die seelenlose Atmosphäre der Geisterspiele für eine Entfremdung vom Publikum. Ein schleichender Bedeutungsverlust. Abzulesen ist das abnehmende Interesse etwa an sinkenden Fernsehquoten. Oder an Ultragruppen, die sich auflösen.

Vor allem im Profifußball, der sich schon in den vergangenen Jahren immer weiter von der Basis entfernt hat, wirkt Corona wie ein Brandbeschleuniger, der ein bereits bestehendes diffuses Gefühl der Distanzierung vom kickenden Unterhaltungsbetrieb richtig anfacht. „Die Fans werden ihre Leidenschaft zurückfahren und sich abwenden – und das millionenfach“, prognostiziert der Würzburger Sportwissenschaftler Harald Lange.

So muss es nicht zwangsläufig kommen, wenn der Sport – also konkret die Vereine, die Ligen und die Verbände – die wichtigste Lehre aus dem Corona-Krisenjahr zieht: Die Fans sind vielleicht nicht alles, aber ohne die Fans ist alles nichts. Man darf gespannt sein, ob sich die Verantwortlichen von dieser Erkenntnis auch dann noch leiten lassen, wenn die Krise hoffentlich bald überwunden sein wird. Zumindest die schlimmsten Übertreibungen müssen bekämpft werden.

Bis das Bedürfnis vieler Menschen nach dem Gemeinschaftsgefühl in vollen Stadien und Hallen, in denen man angstfrei, ohne Maske und Corona-Schnelltests seine Emotionen auslebt, wieder gestillt werden kann, dürfte es trotz Impfung noch eine ganze Weile dauern. Der Weg zurück in die Normalität wird steinig sein, auch das Sportjahr 2021 dürfte noch tief geprägt sein von den Auswirkungen der Pandemie – nicht zuletzt, was die wirtschaftlichen Spätfolgen betrifft.

Lernkurve in den Verbänden?

Man würde sich wünschen, dass das Krisenjahr 2020 auch in den Sportverbänden die Zäsur bewirkt, von der zuletzt häufig gesprochen wurde. Wenn die Lernkurve auf ein akzeptables Niveau gestiegen ist, müssten die Funktionäre feststellen, dass es eine überaus schlechte Idee war, die Fußball-WM 2022 in den Sklavenarbeiter-Staat Katar zu vergeben. Oder die Handball-WM im kommenden Januar an das ägyptische Militär-Regime. Oder die Eishockey-WM 2021 an Co-Gastgeber Belarus, in die letzte Diktatur Europas. Da gilt das Gleiche, was Bayern-Star Thomas Müller zu den sterilen Geisterspielen im Fußball gesagt hat: „Daran möchte man sich nicht gewöhnen.“

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