Kommentar

Olympische Ohnmacht

Jan Kotulla zur Zurückhaltung des IOC in Fall Navid Afkari

Zugegeben, die Forderungen, die an das Internationale Olympische Komitee gestellt werden, sind so umfassend und teilweise widersprüchlich, dass die Sport-Funktionäre sie nicht alle umsetzen können. Die Zurückhaltung im Fall des iranischen Ringers Navid Afkari wirft allerdings kein gutes Licht auf die mächtige Sport-Institution, die sich gern als Friedensstifter und Verteidiger elementarer Rechte wie Fairness, Gleichberechtigung und Bildung sieht. Zur Erinnerung: Dem nun hingerichteten Sportler wurde vorgeworfen, bei einer Demonstration in der islamischen Republik einen Polizisten getötet zu haben. Nach offiziellen Angaben habe er gestanden. Dem widerspricht seine Familie. Von Folter ist die Rede.

Allein dies sind Gründe genug, eine Suspendierung zumindest ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Denn nur international anerkannte rechtsstaatliche Abläufe bilden die Basis für Vertrauen, zum Beispiel auch für Wettkämpfe oder angstfreies Training der eigenen Athleten.

Zudem darf man nicht vergessen, dass der Iran bereits vom IOC sanktioniert und auch suspendiert worden ist. Das Regime hatte beispielsweise seinen Sportlern verboten, gegen Israelis anzutreten. Ein Judoka setzte sich 2019 über die Verfügungen der Sittenwächter hinweg und floh im Anschluss nach Deutschland. Damals wurde der iranische Verband suspendiert. Das IOC sperrte zeitweise auch Kuwait, Indien und Russland, deren Athleten durften unter der Flagge mit den fünf Ringen jedoch jeweils an den Spielen teilnehmen. Eine ähnliche Möglichkeit sollte nun auch gefunden werden, um den Iran in die Schranken zu weisen.

Der Fall zeigt, dass die internationale Sportgemeinschaft sich ihrer gesellschaftspolitischen Rolle in allen Konsequenzen bewusst werden muss. Dazu sollte auch gehören, seine Statuten so anzupassen, dass eine faire Justiz eine der Voraussetzungen ist, Teil dieser Gemeinschaft zu sein.

Denn während das IOC gerade darauf verweist, dass es keine staatlichen Befugnisse hat, liegt genau hierin eine Stärke, die es zu nutzen gilt: Die olympische Familie kann ihre Regeln selbst aufstellen, ändern und verschärfen. Wenn das Todesurteil gegen Navid Afkari eines gezeigt hat, dann, dass die Sportverbände diese Macht nutzen sollten. Ansonsten zeigen sie nur eine olympische Ohnmacht.

Zum Thema