Kommentar

Paradox

Finn Mayer-Kuckuk erkennt trotz aller Vorbehalte gegen das vage Abkommen von Singapur die Chance auf eine echte Veränderung

 

Nordkoreas Diktator Kim Jong Un ist für US-Präsident Donald Trump „ein guter Partner“, jemand, zu dem er „einen besonderen Draht hat“. Der kanadische Premier Justin Trudeau ist in Trumps Augen dagegen ein „Verräter“. Inzwischen sind Trumps Maßstäbe für „gut“ und „schlecht“ bekannt: Wer ihm schmeichelt, erhält Lob, wer ihn kritisiert, muss mit einer Attacke rechnen. Kim Jong Un hat dem US-Präsidenten zu einem außenpolitischen Erfolg verholfen. Deshalb erhält er von Trump ein riesiges Geschenk: die Legitimierung seiner Herrschaft durch den Führer der westlichen Welt. Das ist ein hoher Preis für die Unterschrift unter ein Stück Papier.

Doch Trump hatte für die Nachsicht gute Gründe. Der Gipfel in Singapur hat beiden Staatsführern die Gelegenheit gegeben, in ihren jeweiligen Ländern einen Sieg zu verkünden. Trump bewies vorgeblich seine Fähigkeiten als Meister der Verhandlungskunst, indem er zu einem Vertragsabschluss mit Nordkorea gekommen ist. Kim präsentierte sich auf Augenhöhe mit dem mächtigsten Mann auf dem Planeten. Für Kim wurde damit ein Traum wahr: die Anerkennung als Führer von Weltrang. Dafür musste er noch keine Atombombe verschrotten und kein Arbeitslager schließen. Zwei Männer lächelten am Ende des Treffens glücklich in die Kameras.

Trump erklärte hinterher zwar tapfer, eine Aufhebung der Sanktionen gebe es nur, wenn sich auch die Menschenrechtslage verbessere. Ein konkretes Kriterium nannte er dafür jedoch nicht. Stattdessen gönnte er Kim einen enormen Vertrauensvorschuss und lud ihn sogar ins Weiße Haus ein.

Zur Erinnerung: Kim hat grausame Morde an seinem Bruder und seinem Onkel in Auftrag gegeben. Er führt sein Land wie ein einziges großes Arbeitslager. Die Bevölkerung hält er in Unwissenheit und Armut. Trump hat zwar nicht vergessen, dass Kim den US-Studenten Otto Warmbier todkrank nach Hause zurückgeschickt hat. Aber er ignoriert das. Und setzt zynisch noch eins drauf: „Der große Gewinner dieser Vereinbarung ist das koreanische Volk.“

Eine Moderatorin des Trump-freundlichen US-Senders „Fox News“ hat in diesen Tagen im Eifer von den „beiden Diktatoren“ gesprochen, als sie Trump und Kim meinte. In dem Versprecher steckt zumindest gefühlt ein Körnchen Wahrheit. Die beiden Egomanen verstehen sich instinktiv.

Trump lobte Kim, dieser sei „eine große Führungspersönlichkeit, die ihr Land gut unter Kontrolle hat“ und die für ihre jungen Jahre „sehr talentiert ist“. So etwas imponiert Trump. Beide Männer sehen eben nur ihr eigenes Ego. Das Leid der Nordkoreaner ist dem einen wie dem anderen völlig gleichgültig.

Paradoxerweise kann Trumps Sympathie für Autokraten nun im aktuellen Fall sogar etwas Gutes bewirkt haben. Es lässt sich nicht leugnen, dass Trump ein bemerkenswertes Ergebnis erzielt hat. Nordkorea hat sich verpflichtet, sein atomares Arsenal abzubauen. Durch den Auftritt und seine Unterschrift in Singapur ist Kim stärker an Zusagen gebunden, als es sein Vater und sein Großvater bei vergleichbaren Vereinbarungen waren.

Die eigentliche Arbeit fängt jedoch jetzt erst an, denn die Erklärung war erst einmal vage gehalten, um beiden Seiten die Gelegenheit für einen Kompromiss zu geben. Es fehlen konkrete Meilensteine und Mechanismen zur Überprüfung. Trotzdem eröffnen sich jetzt Chancen auf echte Veränderung.

Zum Thema