Kommentar

Thomas Groß empfindet die Vergabe des Nobelpreises für Literatur an Louise Glück als konsequent

Plädoyer für Poesie

Archivartikel

Thomas Groß empfindet die Vergabe des Nobelpreises für Literatur an Louise Glück als konsequent

Läuft bei der für die Literaturnobelpreise zuständigen Schwedischen Akademie wieder alles nach Plan? Vor zweieinhalb Jahren erschütterte das eigentlich ehrenwerte, fürs Schöngeistige zuständige Gremium ein hässlicher Skandal um sexuelle Belästigung und Vorteilsnahme; vergangenes Jahr wurde dann die Entscheidung für den wegen seines publizistischen Projekts „Gerechtigkeit für Serbien“ umstrittenen Peter Handke vielfach kritisiert. Nun aber trifft das teils neu besetzte Nobel-Komitee eine Wahl, die wenig Widerspruch ernten wird.

Das liegt auch daran, dass die Entscheidung einem schon oft erlebten Muster folgt: Wer? Louise Glück? Hier wird erneut jemand mit höchsten Weihen versehen, dessen Bekanntheit einigermaßen begrenzt wirkt. Allzu laut äußern wird das aber niemand, denn Wissenslücken gesteht man gerade im Kulturbereich nur ungern ein. Der Offenherzige läuft ja Gefahr, als Banause zu gelten.

Der Ruf der Autorin, von der nur wenige Bände auf Deutsch erschienen sind, ist indes tadellos. Und mit Ende 70 hat sie, kaum verwunderlich, ein Werk geschaffen, das ihre Eigenart und Güte zur Genüge unterstreichen kann. Im Falle der im Jahr 2013 geehrten Kanadierin Alice Munro war es ganz ähnlich gewesen. Als politisches Zeichen – seit Langem ein bewährtes Muster, um die Entscheidungen zu deuten – lässt sich die Wahl in diesem wie in jenem Fall nicht lesen. Dass bei überwiegend männlichen Preisträgern einmal mehr eine Frau zum Zuge kommt, reicht dafür ja gewiss nicht aus. Politische Fingerzeige hafteten einer Wahl von karibischen oder afrikanischen Anwärtern an. Ähnlich wäre es gewesen, hätte man ein Werk gekürt, das für ethnische Vielfalt steht oder drängende Zukunftsfragen aufwirft. Doch engagiert erscheinen, sich gar instrumentalisieren lassen, das wollte die Akademie nun nicht.

Vielmehr folgt die Entscheidung einer Linie, die zu Geschichte und Ansehen der Institution noch am besten passt: Das jeweilige Werk gibt den Ausschlag. Dass es vergleichsweise unbekannt geblieben ist, liegt auch an den Gattungen der Lyrik und des Essays, die Glücks Metier sind. Lyrikerinnen und Lyriker werden in aller Regel viel weniger bekannt als Romanciers – und schon gar nicht populär, wie die Auflagenhöhen bestätigen. Gleichwohl oder gerade deshalb gilt das Verfassen von Poesie als eigensinnigste und herausforderndste literarische Tätigkeit. Bei erzählender Literatur ist die Nähe zu populären Kunstformen offensichtlich; nicht umsonst präsentieren viele Erzähler heute Bücher, die mit Recht als „filmisch“ charakterisiert werden, häppchenweise in kurzen Kapiteln verfasst, die wirken wie gegeneinander geschnitten. Lyrik ist und bleibt dagegen einzigartig.

Das bestätigt die Auszeichnung unabhängig davon, wer die konkret Geehrte ist. Diese Wahl unterstreicht, wofür das Preisgremium per se einsteht: die Bedeutung von Literatur in einer reinen Form.

Zum Thema