Kommentar

Praxistest: Note 6

Heike Rentsch sieht bei der Lese-Rechtschreibstörung eine Riesenkluft zwischen Theorie und Umsetzung

Ein ständiges Gegen-die-Wand-Rennen. So beschreiben Eltern von Kindern mit Lese-Rechtschreibstörungen ihre Erfahrungen. Herunterspielen von Problemen: „Das verwächst sich bis zur Pubertät“, Druck: „ XY muss sich einfach mehr anstrengen“, bis hin zur Falschinformation: „Ab der siebten Klasse gibt es keinen Nachteilsausgleich mehr.“ Was Familien aus Schulen zu hören bekommen, ist teils hanebüchen.

Theoretisch müsste das nicht sein, denn Material ist verfügbar: Die betreffenden Erlasse der Bundesländer und Forschungsergebnisse zur Lese-Rechtschreibstörung sind frei im Internet oder in Broschüren einzusehen. Millionen fließen allein durch das Bundesbildungsministerium in Ursachenforschung und die Verbesserung von Förderangeboten.

Viele dieser Informationen scheinen auf dem Weg in die Schulen im Nirwana zu versanden. Sei es aus Desinteresse oder Zeitmangel – Fakt ist, dass viele Schulen keine bis wenig Ahnung über das Thema und ihre Pflichten haben. Tausende Kinder werden so in ihrer Biografie gebremst oder gestoppt, denn oftmals ist aufgrund der schlechten Rechtschreibergebnisse keine Gymnasialempfehlung möglich – obwohl die Kinder den Intellekt dafür hätten. Lösungen müssen schnell her, denn die Lese-Rechtschreibstörung macht bei keiner oder schlechter Förderung vor Ausbildung und Studium nicht halt.

Ganz zu schweigen von den psychischen Problemen, die durch Mobbing oder Versagensängsten bei betroffenen Kindern auftreten. Lehrer müssen besser über den neusten Stand der Forschung geschult werden, zur Not müssen außerschulische Experten ins Boot geholt werden. Frühe Tests sind zudem nötig, um zeitig die Ursachen der Lernstörungen bekämpfen zu können. Und: Die Bundesländer müssen endlich an einem Strang ziehen, damit es nicht abhängig vom Wohnort ist, wie die Förderung ausfällt und welcher Nachteilsausgleich gewährt wird.

 
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