Kommentar

Probleme im Pott

Marc Stevermüer zur Situation von Borussia Dortmund

Wie gut ein Trainer wirklich ist, erkennt man häufig daran, wie er sich in Krisensituationen verhält, wie er auf Unvorhergesehenes reagiert und wie sehr er zu Veränderungen seiner eigentlichen Philosophie bereit ist. Ohne Zweifel war Lucien Favre zu Beginn der vergangenen Saison der richtige Mann bei Borussia Dortmund. Der BVB spielte begeisternden Fußball, wobei sich immer noch die Frage stellt, ob die Westfalen damals einfach nur über ihren Verhältnissen agierten, ob Favre mehr aus dem Kader holte, als in ihm steckte – was erst einmal für den Trainer spricht.

In diesem Kalenderjahr gelingt es dem Schweizer aber nicht mehr, dass seine Mannschaft konstant ein Mindestniveau abruft. Eine Qualität, die reichen sollte, um Union Berlin und Paderborn zu schlagen, um in Augsburg und Nürnberg zu gewinnen, um ein 3:0 gegen Hoffenheim ins Ziel zu bringen. Gewiss: Einen Ausrutscher kann es immer geben, aber eben nicht in dieser Häufigkeit. 19 von 38 Pflichtspielen hat der BVB von Januar bis zum vergangenen Freitag in der Liga, im Pokal und in der Champions League gewonnen. Eine magere Ausbeute, die offenbart, dass der Trainer die Krise nicht in den Griff bekommt und die Bosse sich scheuen, einen klaren Schnitt zu machen. Denn es gibt sie ja immer noch, diese kleinen Sternstunden. Zum Beispiel das 3:2 über Inter Mailand.

Schrecken ohne Ende

Gegen die Italiener bewies die Borussia nach dem Seitenwechsel, dass sie so viel offensive Klasse und Kreativität wie nur wenige andere Mannschaften vereint – ohne dabei die defensive Stabilität zu verlieren. Sie zeigte angesichts eines 0:2-Rückstands einfach das, was man bei Favre so oft vermisst: Mut und Spaß. Stattdessen verliert sich dieses Team viel zu oft in Lethargie, verfällt gar in einen Zustand von Lähmung. Die Mannschaft wirkt gefesselt, vielleicht sogar durch zu viel Detailversessenheit des Coaches der Freude am Spiel beraubt.

Keine Frage: Favre und Dortmund – das ist nur noch ein Schrecken ohne Ende. Doch es wäre fatal aus Sicht der Borussia, die Misere ausschließlich am Trainer festzumachen. In der Kaderplanung beging der BVB den elementaren Fehler, keinen zweiten Zentrumsstürmer neben Paco Alcácer zu verpflichten. Die vergangenen Monate haben zudem gezeigt, dass es dieser Mannschaft an Typen fehlt. Von Kapitän Marco Reus ist seit Jahren bekannt, in wichtigen Spielen eher abzutauchen. Und ist Axel Witsel wirklich ein Anführer? Der begnadete Belgier ging als junger Kerl lieber nach Russland und China anstatt in eine starke Liga. Ihm war das Geld wichtiger als die sportliche Herausforderung.

Immer wieder Klopp

Und dann wäre da noch die dauerhafte Glorifizierung von Jürgen Klopp. Die permanente Verehrung des Ex-Trainers durch Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke ist für jeden Dortmunder Coach in etwa so hilfreich wie ein Pelzmantel in der Wüste. Insofern kommt es in Krisensituationen nicht nur darauf an, wie der Trainer reagiert. Sondern vor allem auch, wie sich sein unmittelbares Umfeld verhält.