Kommentar

Purer Populismus

Archivartikel

Werner Kolhoff über die Idee des Werte-Unterrichts: Demokratie-Verständnis kann man nicht einfach eintrichtern

 

Nun gehen CDU und CSU also mit der Forderung spazieren, Flüchtlingskinder müssten – neben der Sprache – erst einmal deutsche Werte lernen, bevor sie in eine reguläre Klasse dürfen. Werte-Unterricht nennt sich das Fach oder auch Rechtsstaatskunde. Auf dem Programm stehen: Pressefreiheit, Gewaltenteilung, Gleichberechtigung, Grundgesetz, Demokratie.

Nichts gegen das Ziel: Dass Flüchtlingskinder das alles begreifen, ist für ihre Integration absolut notwendig. Aber ein paar Nachfragen zum konkreten Vorschlag: Ab welchem Alter soll das Unionsmodell denn gelten? Für Kleinkinder im Vorschulalter wäre der gefragte Lernstoff zu hoch. Ahmed, du darfst die Aishe nicht schlagen – das kann man auch ohne Extrafach vermitteln. Das Modell wird also nur für Jugendliche sinnvoll sein, die wertemäßig in ihrer alten Heimat schon relativ stark vorgeprägt wurden.

Dann stellt sich aber die zweite Frage: Warum nur Flüchtlingskinder? Haben nicht andere auch Bedarf? Zum Beispiel deutsche Kinder aus Haushalten, in denen geprügelt oder gesoffen wird. Oder in denen die Eltern viel Geld, aber keine Zeit haben, Regeln zu vermitteln? Oder Kinder, deren Eltern aus Ländern mit zweifelhaftem Erziehungs- und Rollenverständnis kommen. Wäre es da nicht am besten, gleich allen Schülern gemeinsam die gleichen Werte zu vermitteln statt nur einer bestimmten Gruppe? Das Wichtigste aber: Funktionieren Kinder und Jugendliche überhaupt nach dem Trichterprinzip? Oben Werte rein, unten kommt ein Staatsbürger raus.

Es gibt den begründeten Verdacht, dass es viel wichtiger ist, dass Werte auch gelebt werden. Von allen. Eltern, Lehrern, ja sogar von den Parteien. So ein Flüchtlingskind hat wenig davon, wenn es nach bestandener Werte-Klassenarbeit nach Hause kommt, und Papa die Scharia predigt. Oder wenn es Toleranz kapiert hat, aber schon auf dem Schulhof Intoleranz erfährt. Man könnte sogar zu dem Schluss kommen, dass der Vorschlag für einen gesonderten Werte-Unterricht nur für Flüchtlingskinder selbst wertemäßig kein leuchtendes Vorbild ist, sondern eher diskriminierend.

So, wie die Unions-Fraktionsvorsitzenden das Thema anpacken, greifen sie überdies viel zu kurz. Fakt ist, dass die Schulen mit den Problemen, die viele Kinder von zuhause mitbringen, seit langem heillos überfordert sind. Die Flüchtlingskinder kommen noch hinzu. Die Wertevermittlung müsste erst mal mit Wertschätzung für die Grundschulen beginnen. Sie brauchen deutlich mehr Lehrkräfte und vor allem mehr Schulsozialarbeiter, um die um sich greifende Verwahrlosung und Gewalterfahrung vieler Kinder auch nur zum Teil auffangen und auch mit den Eltern arbeiten zu können. Zusatzangebote in Deutsch und Wertekunde könnten das dann abrunden.

Hätten die anwesenden CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden eine solche Aufstockung als Selbstverpflichtung für ihre eigenen Länder beschlossen, man hätte den Hut ziehen müssen. So ist der „Werte-Unterricht“ bloß eine weitere populistische Idee im großen Populistenrennen dieser Zeit.