Kommentar

Detlef Drewes

Realistisch bleiben

Archivartikel

Detlef Drewes warnt im Kampf gegen das Coronavirus vor allzu großer Euphorie – die Einschränkungen könnten noch Monate andauern

Kaum war die Nachricht vom Wunder-Impfstoff aus dem Hause Biontech am Montag auf dem Markt, drehten die Börsen durch: Die Aktien der Reise- und Flugkonzerne legten um bis zu 20 Prozent zu. Ein Impfstoff gegen das Coronavirus mit einem Wirkungsgrad von 90 Prozent wäre der Stoff, aus dem die Träume sind. Es ist mehr als verständlich, dass die vom Lockdown und seinen massiven Beschränkungen für viele Lebensbereiche strapazierten Menschen nach den Signalen hungern, die ein Stück der früheren Freiheit verheißen.

Die Brüsseler EU-Kommission bemüht sich nach Kräften, die Bürger nicht zu enttäuschen. Fertige Verträge über gut 1,5 Milliarden Impfdosen nähren die Zuversicht. Dabei würde eine gehörige Portion Realismus guttun. Die Schutzimpfungen werden auch mit einem beschleunigten Zulassungsverfahren nicht vor Frühlingsende oder Sommeranfang 2021 zur Verfügung stehen. Selbst bei perfekter Logistik dürfte sich die Impfung für 448 Millionen Europäer (davon 82 Millionen Bundesbürger) über Monate hinziehen – zumal es zweier Stiche bedarf.

Und selbst diejenigen, die sich noch am Montag in blanker Euphorie über den sehnlichst gewünschten Erfolg der Forscher freuten, räumen inzwischen wieder ein, dass es noch etliche schwere Monate bei den umfassenden Einschränkungen bleiben wird. In Brüssel wissen die EU-Spitzen, dass diese Operation eine große Herausforderung bedeutet. Jede noch so kleine Ungerechtigkeit bei der Zuteilung des Impfstoffes und beim Zugang zum Schutz vor dem Virus wird zu einer zersetzenden Diskussion über die Solidarität innerhalb der Union führen. Der Verdacht, dass sich die Großen schneller ausreichend viele Präparate sichern und dadurch beim Neustart in den Aufschwung Vorteile ergattern könnten, ist ohne Zweifel akut.

Und es wäre dringend nötig, dass die Vorarbeiten noch ein Stück rascher und enger aufeinander abgestimmt verlaufen, als das bisher der Fall ist. Zwar hat die EU-Kommission längst eine Impfstrategie vorgelegt, die auch von einigen Regierungen der Mitgliedstaaten durch eigene Vorgaben ergänzt wurde. Aber wie stabil (oder brüchig) wird der Zusammenhalt sein, wenn diese faire Verteilung nicht funktioniert?

Die Europäische Union muss nicht nur beweisen, dass man gemeinsam günstiger ein derart wichtiges Präparat einkaufen kann, sondern dass man auch in der Lage ist, alle Bürger gleich zu behandeln. 2021 kann nur dann ein besseres Jahr werden, wenn diese Herausforderung bewältigt wird.

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