Kommentar

Renditehunger

Frank Schumann appelliert an die Anteilseigner von ThyssenKrupp, sich den Plänen es Finanzinvestors Cevian zu widersetzen

Die Essener Villa Hügel, in den 1870er Jahren vom Industriellen Alfred Krupp für die Familie errichtet, atmet den Geist des deutschen Kaiserreichs – prachtvoll und imposant erhebt sich der Bau hoch über dem Baldeneysee. Das Gebäude lässt noch anderthalb Jahrhunderte nach seinem Bau erahnen, für wie viel Unternehmergeist und wirtschaftlichen Erfolg die Stahldynastie steht.

In der Gegenwart droht das Jahr 2018 dagegen zum Schicksalsjahr für ThyssenKrupp zu werden. Nach einem beispiellosen Führungschaos erscheint sogar die Zerschlagung des Konzerns möglich. Mehr noch: Das Unternehmen ist Schauplatz für einen Kampf der Kulturen geworden.

Treibende Kraft hinter einer Aufspaltung von ThyssenKrupp ist der Finanzinvestor Cevian, mit gut 18 Prozent zweitgrößter Aktionär. Cevian wurde 2002 gegründet, zum Geschäftsmodell gehört es, den Wert seiner Beteiligungen – bevorzugt an Industriekonzernen – innerhalb weniger Jahre möglichst stark zu steigern und sie dann gewinnbringend zu verkaufen.

Der Finanzinvestor steht für angelsächsisch geprägten Raubritterkapitalismus, die Macht von Kapitalmärkten, Anlegern und Analysten, das schnelle, leichtverdiente Geld. Cevian jongliert mit Zahlen, besitzt keinen Unternehmergeist, keine Fabrik, keine Villa Hügel. Für Firmen wie diese hat der einstige SPD-Chef Franz Müntefering den Begriff „Heuschrecke“ geprägt.

Man darf Finanzinvestoren nicht grundsätzlich verdammen. Je nach Geschäftsmodell können die Geldgeber auch als Retter in allerletzter Not oder langfristig verlässlicher Partner auftreten. Und wenn jemand wie Cevian-Gründer Lars Förberg jetzt bei ThyssenKrupp „unverhältnismäßig hohe Kosten und Bürokratie“ bemängelt, sollte sich ein selbstbewusstes Management zumindest die Frage stellen, ob der Mann womöglich Recht haben könnte.

Andererseits ist auch die komplette oder teilweise Aufspaltung eines Konzerns kein Weltuntergang, sondern kann den Weg für dauerhaftes Wachstum ebnen. Lanxess etwa, das 2004 an die Börse gebrachte Geschäft der Bayer AG mit Spezialchemikalien, wurde zunächst als Resterampe verspottet – und erwies sich als absolute Erfolgsgeschichte. Das Motiv von Cevian bei ThyssenKrupp ist dagegen offensichtlich: Die Heuschrecke hat Hunger auf Rendite.

Selbst bei guten Perspektiven für einzelne Sparten hat eine Aufspaltung aber auch ihre Schattenseiten. Dazu gehört, dass eine Zerschlagung des Konzerns vor allem auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen wird. Denn was mit den Menschen passiert, die hinter den Effizienz- und Renditezielen von Cevian und Co. zurückbleiben, ist den Finanzinvestoren herzlich egal. Die Belegschaft von ThyssenKrupp wird dann zum Spielball von Anlegern.

Betriebsrat und Gewerkschaften können in aller Regel nur versuchen, den Verlust von Arbeitsplätzen so erträglich wie möglich zu gestalten. Auch daran sollten diejenigen Anteilseigner von ThyssenKrupp denken, die erwägen, Cevians Spiel mitzuspielen. Der deutsche Traditionskonzern braucht einen entschlossenen Wandel – aber er hat immer noch alle Möglichkeiten, die Regeln dafür selbst festzulegen. ThyssenKrupp muss sie sich nicht von einem Finanzinvestor aufzwingen lassen.

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