Kommentar

Rezept mit Nebenwirkung

Archivartikel

Peter Reinhardt zu Initiativen gegen den Ärztemangel

Übertriebene Hast kann man der grün-schwarzen Regierung in ihrem Kampf gegen den wachsenden Ärztemangel in ländlichen Regionen nicht vorwerfen. Schon vor einem Jahr war sich die Koalition eigentlich über den Ausbau der Studienkapazitäten einig. Doch dann brauchten die politischen Partner viele Monate, um sich über die Vergabe der neuen Plätze zu einigen. Als man sich dann kurz vor Weihnachten über die Landarztquote geeinigt hatte, brauchten die beteiligten Ministerien nochmals ein halbes Jahr, um daraus ein Eckpunktepapier zu formulieren. Das notwendige Gesetz muss jetzt noch immer aus.

Dabei drängt die Zeit. Besonders in ländlichen Gebieten finden sich immer weniger Nachwuchsmediziner, die eine Hausarztpraxis übernehmen. Die Überalterung der niedergelassenen Ärzte nimmt zu. Die Landesregierung geht davon aus, dass schon heute 665 000 Baden-Württemberger keinen Arzt mehr an ihrem Wohnort haben. Und es könnten noch mehr werden.

Grüne und Schwarze haben sich im Streit um die Landarztquote böse verhakt. Abiturienten, die sich zur Niederlassung in einem Hausarztmangelgebiet verpflichten, kommen ohne Einser-Abi zum Zug. Nur eine schnell wirkende Medizin gegen den Ärztemangel sollte man sich von diesem zusätzlichen Zugang zum Studium nicht erwarten. Denn es dauert mindestens zwölf Jahre bis zum Abschluss der Ausbildung.

Immerhin hat die Diskussion dazu geführt, dass über die Schwerpunkte des Studiums und noch mehr der Facharztausbildung nachgedacht wurde. Das neue Neigungsprofil Landarzt ist ein freiwilliges Angebot, das aber schneller wirkt als die Quote.

Der Ärztemangel auf dem Land hat mit dem Image des Berufs zu tun und mit den Strukturen. Die Mediziner die vor allem über die Beschwernisse ihres Berufs jammern, brauchen sich nicht zu wundern, wenn sich Nachfolger rar machen. Die nachkommende Generation hat aber auch einen höheren Anspruch an die Vereinbarkeit von Beruf, Freizeit und Familie. Die Einzelpraxis mit alleiniger Verantwortung für eine Hand voll Mitarbeiter und hoher zeitlicher Beanspruchung passt da eher nicht. Deshalb wird weder die Landarztquote noch die Neuausrichtung der Ausbildung allein gegen den Ärztemangel wirken. Der Trend geht zu Gemeinschaftspraxen und regionalen Versorgungszentren. Zur Wahrheit gehört dann aber auch, dass noch mehr kleinere Städte keinen Arzt mehr vor Ort haben werden. Jede Medizin hat halt auch Nebenwirkungen.

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