Kommentar

Rhein ist wieder eine Grenze

Archivartikel

Wir schreiben Freitag, 30. April 2010. Peter Ramsauer (CSU), seines Zeichens Bundesverkehrsminister, setzt sich zu seinem grauen Anzug und der dunklen Krawatte einen weißen Bauarbeiterhelm auf. Dann begibt er sich in Begleitung der damaligen Ludwigshafener Oberbürgermeisterin Eva Lohse (CDU) zum neuralgischsten Punkt des Transitverkehrs am Rhein. Im Verlauf des Tages steckt der Minister seinen Kopf aus einem Loch in Bauwerk 107 der Hochstraße Nord. Das Bild wird erst zum Klassiker später zum Schenkelklopfer.

Mit kritischer Miene beäugt Ramsauer damals das Innenleben der Trasse. Dort sind Wände von Salz zerfressen. Pfeiler weisen selbst für Laien sichtbare Schäden auf. Rote Netze sind unterhalb der Straße gespannt, weil immer wieder Teile herabzufallen drohen. „Ich habe gesehen, dass es brennt“, wird der Minister später – nun wieder ohne Helm – sagen. Am 30. April 2020 jährt sich Ramsauers Aussage zum zehnten Mal, die Netze hängen noch, und wenn er noch im Amt wäre, könnte man Ramsauer fragen, was er getan hat, um den Brand zu löschen. Das Feuer von damals hat sich mit der Schließung der Hochstraße Süd im August zu einem Flächenbrand für die gesamte Oberrheinische Tiefebene entwickelt, denn auch die Salierbrücke in Speyer ist noch mindestens 16 Monate gesperrt, und zusätzlich ist die Rheinquerung zwischen Wörth und Karlsruhe nicht zum Synonym für zuverlässig geworden.

Als die Ludwigshafener Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (SPD) im September an die Menschen appelliert, Ludwigshafen weiträumig zu umfahren, müssen bei den Innenstadthändlern (soweit in Ludwigshafen noch vorhanden) Herzrhythmus-Störungen eingesetzt haben. Öl ins Feuer sind in diesem Augenblick die Sanierungsarbeiten auf der Kurt-Schuhmacher-Brücke. Auf den Ausweichrouten müssen Kurpfälzer und Pfälzer starke Nerven haben, weil auch diese Routen in desolatem Zustand sind. Auf der A 6 kracht es nahezu täglich, die A 61 ist auf beiden Rheinseiten überfüllt. Der Fluss sollte keine Grenze mehr sein – das war mal die Idee der Metropolregion Rhein-Neckar. Diese Idee leidet gerade sehr unter dem Zustand der Hochstraßen.

Zum Thema