Kommentar

Richtig entschieden

Archivartikel

 

Ein Jahr ohne Literaturnobelpreis? Es gibt Schlimmeres, so mag man meinen – zumal deshalb, weil die Entscheidungen der Schwedischen Akademie über die jeweiligen Preisträger keineswegs immer ungeteilte Freude ausgelöst haben. Zuweilen hat sich die Presse geradezu lustig gemacht, wenn wieder ein Nobelpreisträger aus dem Jury-Hut gezaubert wurde, den nicht nur kaum ein europäischer oder überhaupt westlicher Literaturkenner auf seiner Liste hatte, sondern den man geradewegs für unbekannt halten konnte. Gemeinhin wurde die Wahl dann als politische Entscheidung gewertet: Nach literarischen Maßstäben geurteilt sei er ein zweifelhafter Preisträger, er spiele aber eine gewichtige Rolle im jeweiligen Kulturkreis, hieß es dann. Und vergessen sei auch nicht, dass schon früher einzelne Jurymitglieder öffentlich ihre Differenzen ausgetragen und sich gegenseitig den Sachverstand abgesprochen haben.

Nun aber ist das Renommee des (im Grunde) ehrwürdigen Akademiekreises noch in weit größerem Maß beschädigt. Ausgerechnet dieses doch erlauchte Gremium, das die ja wichtigste Ehrung der literarischen Welt vergibt, in einem Zusammenhang mit Korruption und Belästigung zu sehen, irritiert nachhaltig – und das umso mehr, wenn man Stil, Dezenz und Umsicht als hochkulturelle Werte begreift, um die es in unserer Zeit ohnedies nicht zum Besten bestellt ist. Ist nun also auch diese Bastion gefallen? Die Entscheidung, erst einmal keinen Preis zu vergeben, um in Ruhe die Akademie selbst wieder zu ordnen, scheint jedenfalls angemessen. Angesichts dessen, dass die Zahl der Buchkäufer und Leser ohnedies rückläufig ist, mag man die Querelen um den Preis geradezu als symbolisch begreifen: Es steht wirklich nicht gut um die (hohe) Literatur, hieße das dann. Geübten Lesern mag solch eine auf tiefere Bedeutungen zielende Lesart naheliegend erscheinen – man wünschte sich aber viel eher das Gegenteil.