Kommentar

Richtig – mit einem Risiko

Archivartikel

Christian Rotter zur Neuausrichtung der Adler

Es ist mehr als ein Umbruch – es ist eine Revolution. Was bei den Adlern seit der Entlassung von Manager Teal Fowler und Trainer Sean Simpson im Dezember 2017 passiert ist, nimmt in der Clubgeschichte einen fast einmaligen Charakter ein. Die bis dato letzte Neuausrichtung hatte es vor der Saison 1996/97 mit der Reaktion auf das Bosman-Urteil gegeben – allerdings waren damals äußere Umstände die treibende Kraft. Diesmal findet die längst überfällige Erneuerung von innen heraus statt. Die Adler haben im Sommer die Kabine umgebaut. Dieses Bild gilt als Symbol dafür, dass der Mief der vergangenen Jahre aus den vier Wänden ist, dass ein frischer Wind durch die SAP Arena weht.

Die Vorzeichen stehen gut für eine erfolgreiche Saison. Abonnementmeister München scheint nach dem Aderlass im deutschen Sektor angreifbar wie lange nicht, im Gegenzug haben sich die Mannheimer nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ verbessert. Das gilt für die Mannschaft wie für den Trainerstab und das Team um das Team.

Chance für den Nachwuchs

Der größte Hoffnungsträger ist Pavel Gross. Der neue Trainer weiß von seiner Spielerkarriere, wie Mannheim und das Umfeld ticken. Er ist sich bewusst, was der Club vielen Menschen bedeutet. Und er hat eine Arbeitsmoral, mit der er vorangeht. Als gestern nur noch die jungen Spieler auf dem Eis standen, nahm er sich des 17-jährigen Moritz Seider an und übte mit ihm individuell.

Nach der bestimmt schmerzhaften Selbstreflexion haben die Adler viele richtige Schlüsse gezogen. Sie arbeiten an einer neuen Philosophie, wollen ihr Konzept vom DEL-Team über den Kooperationspartner Heilbronner Falken bis zu den Nachwuchsteams durchziehen. Die Verzahnung zwischen unten und oben soll verbessert werden – endlich! Viel zu lange wanderten die hier ausgebildeten Talente ab, weil sie in Mannheim keine Chance sahen.

Bleibt sich Gross treu, wird sich das ändern. Der 50-Jährige ist bekannt dafür, dass er seine Mannschaft nach Leistung und nicht nach Namen aufstellt. Wer nicht alles gibt, findet sich schnell auf der Tribüne wieder – dessen müssen sich im Mannheimer Luxuskader alle bewusst sein!

Alles auf die Karte Gross

Gross hat in Wolfsburg aus einem Verein mit weniger finanziellen Mitteln einen Titelanwärter geformt. Nichts anderes ist das Ziel in Mannheim. Nicht umsonst hat Clubboss Daniel Hopp eine Stange Geld in die Hand genommen, um sich von Spielern trotz gültiger Verträge zu trennen und auf dem Transfermarkt zuzuschlagen. Im sportlichen Bereich ist Gross der neue starke Mann bei den Adlern. Mit Manager Jan-Axel Alavaara und Co-Trainer Mike Pellegrims hat er Weggefährten – Freunde – um sich geschart, denen er blind vertraut.

Die Adler gehen „all in“, wie es beim Poker heißt. Das bedeutet, dass sie alles auf die Karte Gross setzen. Das ist verständlich, weil er über eine große Fachkompetenz verfügt. Es birgt aber auch die einzige Gefahr dieses Konstrukts: Entwickelt sich alles wie gewünscht – und das bedeutet ausdrücklich nicht, dass der Etatkrösus gleich im ersten Jahr Meister werden muss –, ist alles im Lot. Scheitert das Projekt Gross allerdings aus welchen Gründen auch immer, löst dies einen Dominoeffekt aus. Der Club würde aber immerhin nicht auf seinen Tiefststand vom Dezember 2017 zurückfallen.

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