Kommentar

Richtige Richtung

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Marc Stevermüer zieht eine Bilanz zu den Löwen

Ein wenig überspitzt formuliert klingelt bei den Rhein-Neckar Löwen momentan nur eine einzige Kasse – und zwar die der Mannschaft, was übrigens ein Verdienst von Neuzugang Lukas Nilsson ist. Der Schwede hat sich zuletzt als zuverlässiger Straftäter einen Namen gemacht, ebenso hartnäckig treibt Jannik Kohlbacher die Außenstände seiner Kollegen ein. Doch ansonsten kämpft natürlich auch der Handball-Bundesligist mit den eklatanten Folgen der Corona-Pandemie. Keine Zuschauer, keine Ticket-Einnahmen. Das wirtschaftliche Überleben genießt Priorität vor den sportlichen Zielen – und trotzdem haben die Löwen mit Beginn der Saison 2020/21 einen guten Job gemacht. Es gibt eine vernünftige Perspektive beim Blick auf die Mannschaft. In diesen schwierigen Zeiten ist das wahrlich keine schlechte Nachricht.

Drei Transfers, drei Volltreffer

Drei Spieler holte der zweifache deutsche Meister im vergangenen Sommer: Nilsson, Mait Patrail und Albin Lagergren. Jeder aus diesem Trio ist eine Verstärkung. Und zwar nicht nur für die Mannschaftskasse, wenn man etwa auf Nilsson schaut. Der Schwede bringt mit seinen Toren aus der Distanz eine lange vermisste Qualität ins Spiel der Badener. Der vielseitige Patrail ist mit seinen Fähigkeiten in Offensive und Defensive kaum aus diesem Team wegzudenken. Und mit Lagergren vollzogen die Löwen nicht nur erfolgreich den überfälligen Umbruch auf der halbrechten Position, sondern holten einen echten Unterschiedsspieler. Drei Neue, drei Volltreffer – das klingt vielversprechend. Doch es sollte nicht in Vergessenheit geraten, dass die Badener bei ihren Transfers von der Pandemie profitierten. Nachdem der Club erneut zu spät seine Kaderzusammenstellung begonnen hatte, fielen ihm Patrail und Nilsson wegen der angestrebten Etatentlastung ihrer Ex-Clubs Hannover und Kiel ohne großes Zutun in den Schoß. Das ist ein Fakt, der sich besser nicht wiederholen sollte, wenn die Löwen zurück an die Spitze wollen.

Nordclubs sind der Maßstab

Dass sie dort noch nicht angelangt sind, zeigten die Resultate im Dezember. Die Löwen haben den Rückstand auf die SG Flensburg-Handewitt und den THW Kiel zwar verkürzt, ihnen fehlt aber die Stabilität, weshalb es bisweilen scheint, als seien da zwei Teams im gelben Trikot aktiv. Eines, das spektakulären Tempo-Handball spielt. Und eines, das sich Fehler in einer kaum zu erklärenden Vielzahl leistet. Kurzum: Noch fehlt das Selbstverständnis aus den Meisterjahren, in denen die Mannschaft nicht nur wusste, dass sie gut spielen kann. Ihr war schlichtweg klar, dass sie gut spielen wird.

Die Kieler und Flensburger leben genau das vor. Sie sind der Maßstab, den es für die Badener zu erreichen gilt. Wie schnell das passiert, vermag wegen Corona niemand verlässlich zu prognostizieren. Eine weitsichtige Personalplanung dürfte aber garantiert helfen, weshalb es erst einmal ein gutes Zeichen ist, dass sich die Löwen ernsthaft mit einer Verpflichtung des hochtalentierten Mindener Spielmachers Juri Knorr ab nächstem Sommer beschäftigen. Der 20-Jährige würde die Perspektive weiter verbessern, den jetzt schon guten Kader noch ein wenig stärker machen – und ziemlich sicher auch ein paar Euros in die Mannschaftskasse zahlen.

 
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