Kommentar

Riskantes Vakuum

Ulrike Bäuerlein über den Personalmangel bei den großen Kirchen: Eine schwache Institution ist gefährlich für die Gesellschaft

Die Kirche spielt im Leben von immer weniger Menschen eine Rolle. Auch im vergangenen Jahr verloren die beiden großen christlichen Kirchen erneut mehr Mitglieder, als durch Taufen, Eintritte oder Wiedereintritte hinzukamen. Nur noch etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung gehörte 2017 einer der beiden großen christlichen Kirchen an, plus der Mitglieder von orthodoxen oder Freikirchen. Bedenklich ist, dass vor allem jüngere Menschen der Kirche den Rücken kehren.

Speziell für die katholische Kirche gilt zudem, dass die Kluft zwischen gepredigten und gelebten Werten von den Gläubigen als immer größer empfunden wird. Wer seinen Protest sichtbar machen will, tritt aus, obwohl er sich durchaus weiter christlichen Werten verpflichtet sieht. Die Tatsache, dass auch Papst Franziskus, der zu Beginn seiner Amtszeit als Reformator mit Hoffnungen überschüttet wurde, bei der Aufklärung der unzähligen Missbrauchsfälle durch Amts- und Würdenträger der katholischen Kirche rund um den Globus kein gutes Bild abgibt, trägt ihr Übriges dazu bei.

Noch spüren die Kirchen – abgesehen vom Nachwuchsmangel an Pfarrern und Priestern – vor allem finanziell eher wenig von dieser Entwicklung. Anhaltend gute Konjunktur und Beschäftigungslage bei steigenden Löhnen und Gehältern lassen die Kirchensteuern in Deutschland stabil bleiben. Das freilich wird sich schlagartig ändern, sobald die Babyboomer – die starken Geburtsjahrgänge von Mitte der 50er bis Ende der 60er – aus dem Arbeitsleben ausscheiden und keine Kirchensteuerzahler mehr nachkommen. Was über die Kirche an gesellschaftlicher Arbeit geleistet wird, wird für den Einzelnen überhaupt erst dann spürbar, wenn es fehlt.

Darüber hinaus ist aber die Abkehr von den christlichen Kirchen in den derzeit politisch unruhigen und unsicheren Zeiten, in denen viel über die Islamisierung der Gesellschaft diskutiert wird, eine gefährliche Entwicklung. Denn dass viele Menschen auf der Suche nach Halt und Orientierung sind, beweist der seit Jahren wachsende Esoterik-Markt.

Die Kirchen können diese Bedürfnisse der Menschen nicht mehr erfüllen. Und wo die christlichen Kirchen zu gesellschaftlichen Entwicklungen, den Fragen und Ängsten der Menschen schweigen, suchen die Menschen nach Antworten auch bei denen, die mit ihren plumpen Parolen das Gegenteil christlicher Werte predigen.