Kommentar

Rockstar der Klassik

Archivartikel

Von Theresia Bauer

Ich weiß nicht, wann in meinem Leben ich das erste Mal von Beethoven gehört habe. Sehr genau erinnere ich mich aber an den Popsong „Roll over Beethoven“, der – vor allem in der Version des Electric Light Orchestra – der Jugend der 1970er und 1980er Jahre die Botschaft vermittelte, dass es an der Zeit sei, die alten Zöpfe der klassischen Musik abzuschneiden und alte Musiker wie Beethoven einfach zu „überrollen“.

Aus meiner Sicht ist es kein Zufall, dass gerade Beethoven zur Reizfigur für die Beat- und Rock‘n-Roll-Generation wurde. Denn wenn es einen Klassiker gibt, der tatsächlich Rockstar-Qualitäten hat, dann ist es Beethoven. Der Beginn seiner 5. Symphonie könnte ohne weiteres auch einen Heavy-Metal-Song einleiten, „Freude schöner Götterfunken“ schafft es in unzähligen Coverversionen bis heute in die Charts, und „Für Elise“ ist nach wie vor das eine Stück, das jede Klavierschülerin und jeder Klavierschüler der Welt (auch ich selbst) unbedingt gespielt haben muss.

Mit Schillers „Ode an die Freude“ ist Beethoven auch die eine große (EU-)Hymne gelungen, die jeder Popstar braucht, um unsterblich zu werden. Als Ausdruck von Freiheit, Frieden und Solidarität ist sie für mich der perfekte Soundtrack einer in Vielfalt geeinten Europäischen Union (EU). Und dass Leonard Bernstein „Freude schöner Götterfunken“ nach dem Mauerfall kurzerhand in „Freiheit, schöner Götterfunken“ umdichtete, ist auch kein Zufall. Denn welcher andere klassische Komponist hätte der Freiheit und den Menschenrechten jemals so gehuldigt wie Beethoven in seiner Oper „Fidelio“. Gerade uns Politikerinnen und Politikern kann Beethoven bis heute als Vorbild dienen: in seinem humanen Anliegen, in seinem übergroßen Anspruch an sich selbst und in seiner Fähigkeit, Menschen zu begeistern, ohne dabei jemals niedere Instinkte zu bedienen.

Er ist also quicklebendig, dieser Ludwig van Beethoven, und keinesfalls „überrollt“. Und wie es sich für einen richtigen Star gehört, der noch posthum seine Werke veröffentlicht, wird 2020 auch eine Vollendung von Beethovens 10. Sinfonie erwartet – komponiert von einer Künstlichen Intelligenz. Ich bin gespannt, wie dieses Geburtstagsständchen für den alten Meister klingen wird.

In diesem Sinne gratuliere ich Ludwig van Beethoven zum 250. Geburtstag und freue mich auf ein inspirierendes, vielfältiges Jubiläumsjahr.

Theresia Bauer (54) ist Landesministerin für Kunst und Wissenschaft.