Kommentar

Rückkehr zum Chaos

Archivartikel

Marc Stevermüer zur Situation beim VfB Stuttgart

Ein Trainer, der in Ruhe arbeiten kann. Ein Sportdirektor, der schlaue Transfers tätigt. Ein Präsident, der das Verhältnis zu den eigenen Anhängern befriedet. Und ein Sportvorstand, der den VfB Stuttgart zusammenhält. Gerüchteweise fürchtete der Hamburger SV zuletzt schon, Deutschlands einzige Fußball-Lachnummer zu bleiben. Wobei sich da ja gerade mit Schalke 04 ein neuer Kandidat auftut. Fans des VfB Stuttgart müssen wiederum geahnt haben, dass da irgendetwas nicht stimmen kann. Denn so harmonisch kennt man diesen Verein einfach nicht. Und siehe da: Nach knapp einem Jahr des Friedens ist er wieder da, der Chaos-Club vom Neckar.

In einer stillosen Attacke hat der anerkannte Vorstandschef Thomas Hitzlsperger den ebenfalls beliebten Präsidenten Claus Vogt demontiert und seine Kandidatur fürs Präsidentenamt verkündet. Der Amtsinhaber konterte umgehend, seine Erklärung enthält genauso wenig Konkretes wie die des Vorstandschefs. Im Raum stehen nun allerdings jede Menge Vorwürfe.

Aus dem Sammelsurium an Beschuldigungen ergeben sich zwei Fragen: Sind die innerbetrieblichen Zustände wirklich so schlimm, dass Hitzlsperger dieses Risiko eingehen muss? Denn nur bei einem Sieg über Vogt ist er im Club noch haltbar. Oder will da jemand die Gunst des Augenblicks und die eigene Popularität nutzen, um nach einem sehr schnellen – und durchaus umstrittenen – Aufstieg zum Alleinherrscher aufzusteigen?

Seriöse Antworten sind aktuell unmöglich, einige Dinge aber klar: Als Präsident des Vereins und somit Aufsichtsratschef der AG ist es Vogts Aufgabe, zu kontrollieren und Fragen zu stellen. Das kann ihm nicht vorgeworfen werden. Mit der Aufklärung des Datenskandals hat er sich profiliert und wohl nicht Hitzlsperger, aber eben einigen Verbündeten des Vorstandschefs schmerzhaft auf die Füße getreten.

Vor einer unmöglichen Wahl

Der VfB-Meisterheld von 2007 kann wiederum die gute sportliche Entwicklung für sich reklamieren. Aber nur das allein rechtfertigt niemals sein Vorgehen. In seiner Position ist eine derartige Einflussnahme auf die Präsidentenwahl ein Skandal. Stichwort Gewaltenteilung zwischen Verein und AG. Da spielt es auch keine Rolle, ob Vogt tatsächlich vieles oder sogar alles falsch macht.

Mit seinen Anschuldigungen sorgt Hitzlsperger nun für eine überwunden geglaubte Spaltung des Clubs. Und er stellt die Mitglieder vor eine unmögliche Wahl. Sie müssen sich zwischen dem Aufklärer einer schmutzigen Affäre und dem für den sportlichen Erfolg verantwortlichen Mann entscheiden. Klar ist nur: Ein Miteinander wird es nicht mehr geben. Verliert Hitzlsperger, wäre ziemlich sicher auch der eng mit ihm verbundene Sportdirektor Sven Mislintat weg. Der VfB würde die Baumeister der momentan überraschend erfolgreichen Mannschaft verlieren.

Kurzum: Am Ende dieser Schlammschlacht kann es keinen Sieger geben. Der Gewinner wird beschädigt sein, der Verein sowieso. Dabei sollte doch der Club immer über allem stehen. Aber genau das haben ausgerechnet die beiden Bosse vergessen.

 
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