Kommentar

Rücktritte überfällig

Peter W. Ragge zum Missbrauchsskandal bei den Katholiken

Es ist nur ein kleiner Schritt – aber ein Anfang: Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße hat sich nach heftigen Vorwürfen rund um eine mögliche Vertuschung von sexuellem Missbrauch in seiner Zeit im Erzbistum Köln aus dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) zurückgezogen. Zwar lässt er sein Amt dort nur ruhen – aber immerhin etwas.

Mit Heße zieht erstmals ein Oberhirte personelle Konsequenzen aus dem Skandal um sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche. Dass es den über Jahrzehnte hinweg in großem Stil gab, ist seit mehr als zehn Jahren bekannt. Seither läuft die Aufarbeitung mindestens mal unkoordiniert, meist aber sehr unmotiviert. Wo es geht, wird weiter vertuscht und verharmlost. Dass das Zwangszölibat und starre innerkirchliche Machtstrukturen die Vorfälle mindestens begünstigen, wurde zwar offiziell festgestellt – aber es ändert sich nichts.

In der Politik wäre das undenkbar, selbst in der Wirtschaft blieben vergleichbare skandalöse Vorgänge nicht ohne personelle Folgen. Da gilt ganz selbstverständlich, dass Führungspersönlichkeiten ihren Hut nehmen müssen, wenn es in ihrem Verantwortungsbereich ein klares Versagen gegeben hat – auch ohne persönliche Schuld.

Doch die Herren in Scharlachrot oder Violett reagieren ein bisschen zerknirscht, aber kleben an ihren Sesseln. Das ist unangemessen – angesichts des Leids der Opfer, aber auch im Hinblick auf die steigende Zahl von Kirchenaustritten und den rapide abnehmenden Rückhalt der Kirche in der Gesellschaft. Rücktritte wären ein Signal für den dringend nötigen Neuanfang und würden unverzichtbare Reformen zumindest erleichtern. Statt irgendwelcher Anwaltskanzleien, die sich im Auftrag der Bischöfe an Aufklärung versuchen, gibt es dafür ohnehin nur eine richtige Adresse: die Staatsanwaltschaft.