Kommentar

Schäbiger Krieg

Archivartikel

Detlef Drewes über die Strategie des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan im Nordsyrien-Konflikt

Der Satz, dass jeder Krieg mit einer Lüge beginnt, gilt auch für Nordsyrien. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan begründet seinen Waffengang wechselweise mit dem Kampf gegen kurdische Extremisten oder mit der Schaffung eines Lebensraumes für geflohene Flüchtlinge aus Syrien. Nun ist die kurdische YPG-Miliz sicherlich keine harmlose Vereinigung, sie ist auf vielfältige Weise mit der verbotenen PKK verflochten. Dennoch betreibt Erdogan eine ganz andere Strategie.

Die Türkei befindet sich seit den radikalen Säuberungsaktionen nach dem misslungenen Putschversuch vor drei Jahren ökonomisch auf einer rasanten Talfahrt. Die einst als Arbeitskräfte willkommenen Syrer werden nun nicht mehr gebraucht. Mit dem Geld aus dem Flüchtlingsdeal mit der EU konnte das Land wichtige Teile seiner Infrastruktur aufbauen.

Doch bevor Erdogan selbst in das Visier der eigenen Landsleute als der eigentlich Schuldige für den wirtschaftlichen Niedergang gerät, tut er lieber das, was in der Geschichte so oft funktioniert hat: Er eint die Türken durch ein gemeinsames Feindbild und beginnt einen Waffengang.

Dass EU und Nato wie begossene Pudel daneben stehen und nicht wissen, wie sie noch auf Erdogan einwirken können, stimmt. Gerade weil man sich in den beiden Hauptquartieren in Brüssel nie wirklich klar gemacht hat, dass Erdogans Verständnis von Politik nicht zu dem des Westens passt.

Die Nato ist ein Verteidigungsbündnis, kein Reservoir für militärische Hilfe für eine solche Aktion. Die EU ist kein Bündnis, das Krieg und militärische Gewalt als Lösung für einen Konflikt akzeptieren kann. Weil die Europäer oft genug erfahren haben: In der Geschichte wurde noch nie ein Konflikt mit Waffengewalt gelöst, sondern auf dem Wege der Diplomatie.

Das wird auch im Fall Nordsyriens so sein. Erdogan hat sich mit der EU und mit den Vereinigten Staaten überworfen. Demnächst wird noch Russland, das auf der Seite des syrischen Diktators Baschar al-Assad steht, gegen Ankara Partei ergreifen. Der türkische Präsident hatte alle Chancen, sein Land in die europäische Familie zu integrieren und damit jene Führungsrolle in der Region zu übernehmen, die er immer wollte. Diese Chance hat er vertan. Das raubt Europa jetzt die Möglichkeit, ihn zu stoppen. Diese Erkenntnis ist bitter. Denn Erdogan führt nichts anderes als einen schäbigen, menschenverachtenden und grausamen Krieg. Das sollten seine Landsleute nicht vergessen.

 
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