Kommentar

Schlimmer als Sepp

Marc Stevermüer zur Amtszeit von Gianni Infantino

Das Beste an der Ära von Sepp Blatter an der Spitze der Fifa war deren Ende. Das dachte zumindest jeder, als der skandalumwitterte Präsident zurücktrat. Klar war damals: Der Welt-Fußballverband benötigt eine Rundumerneuerung, Blatters Abgang durfte nur der Anfang sein. Doch dann kam alles viel schlimmer – was kaum zu glauben ist.

Denn die Fifa galt ja schon vor Jahren als korrupte Organisation mit mafiösen Strukturen. Mit dem neuen Boss Gianni Infantino wurde sie aber weder glaubwürdiger noch transparenter, erst recht nicht demokratischer. Im Gegenteil: Der Präsident hat sich einen Verband nach seinen Vorstellungen gebaut, regiert wie ein unkontrollierter Patron, für den es keine Regeln und erst recht nicht Anstand und Moral gibt.

Viele Verfehlungen

Es zählten in den vergangenen Jahren nicht viele Menschen zur Fifa, die über jeden Zweifel erhaben waren. Hans-Joachim Eckert und Cornel Borbély als Spitzen der Ethikkommission gehörten aber dazu, wurden von Infantino jedoch abserviert. Aus einem einzigen Grund: Längst hatten sie auch ihn im Visier. Und wer kritisch ist und Fragen stellt, hat in Infantinos Welt nichts zu suchen, obwohl mit Beginn seiner Amtszeit eigentlich die Befugnisse des Präsidenten beschnitten wurden. Doch der skrupellose Schweizer setzte einfach treue Gefolgsmänner und -frauen an den Schaltzentralen ein, weshalb nur einer den Weg bestimmt: Infantino.

Dabei sind seine Verfehlungen umfassend – und die Liste seines Scheiterns ist lang. Einen Staatsanwalt überhäufte er mit Geschenken auf Fifa-Kosten, noch dazu gingen viele Alleingänge des von Eitelkeit und Größenwahn getriebenen Präsidenten zum Umbau des Welt-Fußballs schief. Die WM in Katar wird nicht mit 48 Mannschaften gespielt, seine Pläne zu einer globale Nations League und einer aufgeblähten Club-WM sind vorerst vom Tisch. Auch sein Versuch, die Fifa-Rechte an eine zwielichtige Investorengruppe zu verkaufen, ging schief.

Tricksen und täuschen

Kurzum: Dieser Mann ist längst nicht mehr haltbar, zumal ihn auch seine Vergangenheit bei der Uefa schwer belastet. Dort half er den Scheichclubs aus Paris und Manchester, anstatt sie für ihre Verstöße gegen das Financial Fairplay hart zu bestrafen. Er missbrauchte schlichtweg sein Amt, trat als Täuscher und Trickser und nicht als Aufklärer auf.

Trotzdem wird er wieder zum Präsidenten gewählt, sogar die Deutschen unterstützen Infantino – was traurig und unfassbar zugleich ist. Denn zumindest einen Denkzettel hätte der Schweizer verdient. So aber wird weiter eine Ich-AG an der Fifa-Spitze stehen, die den Verband „hintergeht und missbraucht“. Gesagt hat das einer, dem man in der Vergangenheit wenig glaubte. Doch diesmal hat er Recht: Es ist Sepp Blatter.

 
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