Kommentar

Schluss mit dem Tabu psychische Krankheit

Archivartikel

Würden Sie zu einem Krebspatienten sagen: „Reiß dich zusammen!“? Nein. Würden Sie zu einem Unfallopfer sagen: „Hab dich nicht so!“? Nein. Würden Sie sich freuen, wenn man Ihnen hilft, wenn Sie in eine psychische Krise abrutschen? Ja!

Genau darum ist es richtig, dass am Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Ersthelferkurse für psychische Erkrankungen angeboten werden. Und, dass sie deutschlandweit verankert werden sollen. Das ist nötig, weil wir in einer Gesellschaft leben, die immer wenn es schwierig und unangenehm wird, in Schockstarre verfällt und schweigt. Bei psychischen Erkrankungen noch stärker als bei körperlichen Leiden.

Kurz gesagt: Seitdem es Menschen gibt, sind kranke Seelen mit Stigmen und Tabus behaftet. Viele Leute sprechen erst darüber, wenn es jemanden in ihrem Umfeld erwischt hat. Was die ganze Thematik so schwierig macht? Das ist ein altes Lied: Die Leute verstehen Dinge nicht, die sie nicht sehen können. Beim Patienten mit Gipsfuß ist allen klar, dass er Schmerzen hat. Bei einer Angsterkrankung gibt es oft gar keine äußerlichen Anzeichen. Und wenn doch, sind es manchmal ganz subtile.

Auch auf die sollen die ausgebildeten Ersthelfer achten. Und handeln: Und zwar richtig. Das heißt, sie lernen das, was uns nicht in der Schule beigebracht wird. Und was uns im Alltag nie begegnet, weil niemand darüber spricht: den sensiblen Umgang mit psychisch Erkrankten. Dabei kann man mit wenig, aber richtigem Verhalten viel bewirken: verstehen statt nachbohren, da sein statt Druck machen, unterstützen statt abweisen.

Keine Frage, Symptome psychischer Erkrankungen können Gesunde nahezu ängstigen. Daher muss man auch mutig sein und wenn nötig weitere Helfer um Unterstützung bitten. Doch der erste Schritt muss gemacht werden. Den Erkrankten zur richtigen Stelle im Gesundheitssystem, wie dem Hausarzt, zu lotsen, hilft schon.

Seelische Erkrankungen können töten. Und nein, damit ist nicht nur der Suizid gemeint. Psychisch Erkrankte haben nach aktuellen Studien im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung eine um zehn Jahre verringerte Lebenserwartung. Wir sollten als Mitmenschen dafür sorgen, dass die Belastung der Kranken durch die Stigmatisierung der Krankheit nicht noch größer wird.

Indem wir flapsige Kommentare unterlassen, ein Auge auf unser Umfeld haben. Und indem wir durch Ansprechen das Tabu töten – bevor es unsere Mitmenschen tötet.

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