Kommentar

Schmerzhaft und nötig

Archivartikel

Peter W. Ragge zum Verbot großer Veranstaltungen

Es ist schmerzhaft – aber wie mancher ärztliche Eingriff, der wehtut, medizinisch völlig richtig: Großveranstaltungen, bei denen viele einander völlig fremde Menschen eng beieinanderstehen, ausgelassen feiern, womöglich unter dem Einfluss von Alkohol oder guter Laune Hemmschwellen fallen und man die Vorsicht vergisst, sind derzeit gefährlich. Bei solchen Events kann sich das Coronavirus ungehindert verbreiten – und damit letztlich viele Menschenleben in Gefahr bringen. Deshalb ist es völlig richtig, solche Großveranstaltungen derzeit zu verbieten.

Dass die Politik dies nun im Juni schon bis Ende Oktober generell verfügt, schafft den Veranstaltern Gewissheit für ihre Planungen und vor allem rechtliche Sicherheit. Das sofort einsetzende Geschacher mancher Ministerpräsidenten und Landtagsfraktionen, ob man die Richtlinie streng, strenger oder nicht so streng auslegen soll, hilft den Menschen dagegen nicht.

Natürlich stürzt das Verbot Menschen und Firmen, darunter viele traditionsreiche Familienbetriebe, in Existenzkrisen. Der Beginn der Corona-Pandemie fiel mit dem Saisonauftakt der Schausteller zusammen. Sie hatten höchstens bei ganz frühen Festen wie dem Mathaisemarkt Schriesheim ein paar Tage lang Umsatz – und seither keine Einnahmen mehr. Bei vielen staatlichen Programmen fallen sie durch das Raster. Hier muss sich die Politik mehr einfallen lassen als ein paar gute Worte. Sonst gibt es dann, wenn die Krise im Griff ist und Veranstaltungen möglich sein werden – was wohl noch weit ins Jahr 2021 dauert –, viele Berufsstände nicht mehr. Betroffen sind schließlich nicht nur Schausteller, sondern auch die ganze Veranstaltungsbranche.

Und die wird gebraucht! Messen, Kerwen, Volksfeste sind ja kein Selbstzweck, nur damit ein paar Karussellbetreiber und Imbissbuden-Besitzer Geld verdienen – und die Städte übrigens mit. Sie sind ein wichtiges Kulturgut, das auf das Mittelalter zurückgeht, und ein großer Wirtschaftsfaktor. Und sie dienen dazu, Leben in die Städte zu bringen, den Menschen Gemeinschaftserlebnisse zu schaffen, den Zusammenhalt in den Vororten ebenso zu stärken wie den Einzelhandel. Ohne funktionierenden Handel und kulturelle wie gesellige Veranstaltungen drohen die Innenstädte zu veröden und Menschen zu vereinsamen.

So richtig die Verbote zunächst sind – da Freizeitparks längst wieder öffnen dürfen, muss sich die Politik für andere Großveranstaltungen auch Konzepte einfallen lassen, wie sie ab Herbst wieder möglich werden.

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