Kommentar

Schwer zu ersetzen

Konstantin Groß zum Abschied von Harald Weiss

In früherer Zeit, da pflegte man in Schriesheim das Bonmot, der Posten des Geschäftsführers der Winzergenossenschaft komme gleich nach dem Amt des Bürgermeisters. Das ist natürlich übertrieben. Dennoch steht er in dem Ort, dessen Stadtbild, Geschichte und Brauchtum bis heute vom Weinbau geprägt werden, im Fokus der Öffentlichkeit, ist seine Neubesetzung keine Sache, die nur die Winzer interessiert. Erst recht nicht, wenn sie nach fast einem Vierteljahrhundert erfolgt und einen so verdienten Mann wie Harald Weiss betrifft.

Die Gründe für seinen Rückzug sind absolut nachvollziehbar. Jeder, der Harald Weiss kennt, weiß, dass diese nicht vorgeschoben sind. Niemandem wird der Entschluss zum Aufhören schwerer gefallen sein als ihm selbst.

Weiss hat seinen Posten nie nur als Job gesehen, sondern als Passion. Keine Anstrengung war ihm zu viel. Ja, er hat für die Ge-nossenschaft gelebt. Wenn er von sich sagt, dass er „aus einem vinologischen Weltenbummler ganz zum begeisterten Bergsträßer geworden“ sei, dann trifft das zu.

Qualität als Prinzip

Für die Genossenschaft, den Bergsträßer Wein und die Stadt Schriesheim wiederum war er ein Glücksfall. Weltgewandt und bodenständig zugleich hat er die WG kräftig nach vorne gebracht. Seine Initiativen sind zahlreich und in der Erklärung der Gremien aufgeführt. Die wichtigsten sind jedoch die Verstärkung der Präsenz in der gesamten Region und vor allem das Prinzip der Qualität bei der Produktion. Weiss hat verstanden, dass regionaler Wein gegen Discounter mit schon mal 98 Cent pro Flasche nicht mithalten kann. Einzige Überlebensstrategie für ihn ist Qualität. Und die hat er erreicht. Auch zum Unwillen mancher Genossenschaftsmitglieder, die diesen Leistungsdruck für übertrieben hielten.

Gegen Ende seiner Amtszeit half auch dieses Konzept immer weniger. Die Rahmenbedingungen – Marktsituation und Kundenwünsche – sind heute andere als vor 25 Jahren. Das hat auch negative Folgen für die WG. Weiss hat daran keine Schuld.

Und nun auch noch Corona – mit Einschränkungen bei der Gastronomie und Absage aller Feste. Gerade jetzt bräuchte man einen Fachmann wie ihn. Jeder sei ersetzbar, heißt es. Natürlich stimmt das, manche aber leichter, manche schwerer. Harald Weiss ist ganz schwer zu ersetzen.