Kommentar

Schwere Zeiten

Archivartikel

Ralf Müller zur Rolle des künftigen BMW-Chefs Zipse

Es geht um viel. Deshalb verdient die Personalie des neuen BMW-Vorstandsvorsitzenden Beachtung. Denn Oliver Zipse kann potenziell viel falsch machen – mit unabsehbaren Folgen nicht nur für die 135 000 direkt Beschäftigten, sondern für das Mehrfache an Jobs und Familien im Umfeld.

Die deutsche Leitindustrie ist in der wahrscheinlich tiefgreifendsten Umbruchphase ihrer Geschichte. Es stellt sich so etwas wie eine Existenzfrage: Hat die individuelle Mobilität in Gestalt des Autos ihren Höhepunkt erreicht oder sogar schon überschritten? Verträgt der Planet noch mehr Pkw – sei es mit fossilen Brennstoffen oder mit Lithium-Batterien betrieben? Wird das Auto der Zukunft nur noch eine Hülle für Software sein, die im Silicon Valley entwickelt wird? Quälende Fragen für eine Branche, die verurteilt ist, immer weiter zu wachsen, um Anteilseigner zufriedenzustellen.

Es hat schon einfachere Rahmenbedingungen für einen BMW-Chef gegeben, als sie Zipse jetzt vorfindet. Mit effizienteren Motoren, eleganten Karosserien und ausgetüftelten Extras ist es längst nicht mehr getan, um von einem Absatzrekord zum nächsten eilen zu können. Das Auto wird derzeit von Grund auf neu gedacht, und zwar nicht nur von den traditionellen Autoherstellern. In alle Richtungen zu denken kann und muss sich ein Konzern wie BMW leisten. Aber er kann es sich nicht leisten, auch in alle Richtungen Vollgas zu geben. Flops gehen in dieser Branche sofort in die Milliarden.

BMW ist (noch) alles andere als ein Sanierungsfall – und doch sind die Eigentümer nervös. Das ist ein wenig so, wie wenn ein Einser-Schüler plötzlich eine Zwei plus mit nach Hause bringt. Noch kein BMW-Chef seit dem Abenteuer mit Rover in den 90-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts stand so unter Erfolgsdruck wie der neue.