Kommentar

Sinkende Schamschwelle

Dirk Lübke über die wachsenden Bedrohungen

Journalisten wie wir werden zunehmends zur Zielscheibe verbaler und tätlicher Angriffe. Die Schamschwelle bei wortgewaltigen und gewaltbereiten Krakelern ist gesunken.

Angepöbelt, beschimpft und bedroht wird, wer als Journalist Sachverhalte beschreibt, die in eingeengten Weltbildern keinen Platz haben. So erging es auch unserem Mitarbeiter Markus Mertens, der sich in einem großen Text mit der Thematik auseinandersetzte, wie Politiker und Ehrenamtliche in Mannheim von rechtsradikalen und rechtsextremen Anfeindungen betroffen sind. Mertens hatte am 24. Juni unter der Überschrift „Hassbriefe und Kot an der Tür“ berichtet, welchen rechtsextremen Auswüchsen Mannheimer ausgesetzt waren und sind. Danach war er – vornehmlich im Netz – einer Tirade von Beleidigungen, Verunglimpfungen, Bedrohungen ausgesetzt. Was hatte der Kollege getan? Er hatte über Rassismus geschrieben – und wurde Zielscheibe für Verirrte und Rassisten. So, als würde es die recherchierten, geprüften, bestätigten und geschriebenen Sachverhalte nicht geben. Journalist Mertens hat inzwischen die Polizei eingeschaltet und Strafanzeige wegen Bedrohung gestellt. So wie es auch der Verfasser dieses Textes gemacht hatte, als er im Jahr 2015 nach einem Interview dieser Zeitung mit der damaligen AfD-Vorsitzenden Frauke Petry einen Brief mit gefälschtem Absender erhielt. Darin stand: „Gegen Dich Dreckschwein widerlichen Lügner und Kotzbrocken sollte man Strafantrag stellen. Pass schön auf Dich auf. Wir kriegen Dich !! Dein Auto und Familie werden ein Wunder erleben. Es ist Zeit das Du fliegen lernst“.

Die damalige AfD-Spitzenfrau Petry hatte gefordert und als Aussage freigegeben, an Grenzen notfalls auch auf Flüchtlinge zu schießen. Das hatte internationale Empörung hervorgerufen.

Wesentlicher Bestandteil von Demokratie und Meinungsfreiheit ist: Wir Journalisten müssen so etwas schreiben, wenn Politiker so etwas in die Debatte einbringen – erst recht, wenn es führende Politiker sind. Wer das verhindern, verdrehen oder unterdrücken will, der verwechselt freie Meinungsbildung mit Meinungs-Diktatur.

Zum Thema