Kommentar

Soforthilfe Sammer

Archivartikel

Marc Stevermüer zur Situation des BVB

 

Es ist nicht lange her, da galt eine Partie zwischen Bayern München und Borussia Dortmund als deutscher Clásico. Eine Begegnung auf Augenhöhe, die zwar in seiner weltweiten Bedeutung klar im Schatten vom Duell zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona stand, in der Bundesliga aber stets von höchster Bedeutung im Kampf um die Meisterschaft war und nicht zuletzt für ein international bewundertes Ausrufezeichen mit dem Duell im Champions-League-Finale 2013 sorgte. Doch die Zeiten haben sich dramatisch verändert, längst hat das einst brisante Spiel zwischen Bayern und dem BVB die Bezeichnung Clásico nicht mehr verdient. Denn schnell stand am Samstag in der Münchner Arena wieder einmal fest, dass beide Clubs längst in anderen Welten unterwegs sind.

Zu groß war der Dortmunder Aderlass zuletzt, die Abgänge von Robert Lewandowski, Mats Hummels, Pierre-Emerick Aubameyang, Ousmane Dembélé, Ilkay Gündogan und Henrich Mchitarjan führten dazu, dass die Borussia noch nicht einmal mehr als Herausforderer des Rekordmeisters taugt, auch weil die Westfalen auf dem Transfermarkt zu selten den passenden Ersatz für ihre prominenten Abgänge fanden.

Keine Frage: Beim BVB muss in diesem Sommer ein gravierender Schnitt erfolgen – und bei der Aufarbeitung der Misere dürfte der neue Berater Matthias Sammer genau der richtige Mann sein. Er ist so etwas wie der einzige Transfercoup des amtierenden Pokalsiegers in den vergangenen drei Jahren, wenn man mal von Julian Weigl, Dembélé und den fortgejagten Trainer Thomas Tuchel absieht. Bei Transferausgaben von 250 Millionen Euro ist das eine desaströse Bilanz.

Alles und jeder steht infrage

Nun also soll Sammer helfen, die Fehler und Versäumnisse der Vergangenheit zu korrigieren. Wer seine Arbeit beim DFB, bei den Bayern und zuletzt als TV-Experte verfolgt hat, der weiß: Sammers Analysen sind messerscharf und präzise. Er redet Klartext – und spricht schonungslos unangenehme Wahrheiten aus. Kurzum: Er wird die Borussia auf links drehen und alles hinterfragen. Dem BVB kann all das nur gut tun. Denn dass deutlich mehr im Argen liegt, als man noch im Herbst bei der Trennung von Trainer Peter Bosz vermutet hatte, haben die vergangenen Monate gezeigt.

Dem neuen Coach Peter Stöger ist es zwar gelungen, die Mannschaft – in einer allerdings schwachen Bundesliga – zu stabilisieren. Mehr aber auch nich, weshalb es für ihn jetzt sehr eng wird. Der Österreicher steht genauso unter Beobachtung wie ein Großteil der Mannschaft. Zu viele neu geholte Spieler wie Gonzalo Castro, Mahmoud Dahoud oder Ömer Toprak bringen wenig oder gar keine Leistung, andere wie Nuri Sahin, André Schürrle, Shinji Kagawa und vor allem Mario Götze haben nur noch wegen größerer Verdienste in der Vergangenheit einen Namen.

Der Mannschaft fehlen Mentalität und Struktur. All das wird der Club nicht in einer einzigen Transferperiode bereinigen können – trotz der Personalie Sammer. Er ist eine Soforthilfe, aber kein Zauberer. Bis zum nächsten deutschen Clásico wird es also ein wenig dauern – wenn es ihn überhaupt noch einmal geben sollte.

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