Kommentar

Pro und Kontra Seit dem Ende der Wehrpflicht werden in Deutschland Soldaten knapp / Gefragt sind besonders Fachkräfte

Soll die Bundeswehr Ausländer werben?

Archivartikel

Der Fachkräftemangel macht auch vor den Streitkräften nicht halt. Die Bundeswehr erwägt daher, Personal im EU-Ausland zu rekrutieren. Auf der Suche nach den besten Köpfen müsse die Bundeswehr „in alle Richtungen blicken“ und sich um den passenden Nachwuchs bemühen, sagte Generalinspekteur Eberhard Zorn. Umstritten ist dabei, ob Personen ohne deutschen Pass bei der Bundeswehr eingesetzt werden sollten. Zwei "MM"-Redakteure im Pro und Kontra. 

PRO - von unserem Redaktionsmitglied Marco Pecht:

Um es vorwegzusagen: Sicherheitsaspekte, das Verhindern von Spionage und die Treue zu den Werten der bundesrepublikanischen Verfassung müssen bei der Personalanwerbung der Bundeswehr an oberster Stelle stehen. Aber das schließt die Rekrutierung von Bürgern der Europäischen Union für die deutschen Verteidigungskräfte keineswegs aus.

Soldaten sind den Grundrechten „ganz besonders verpflichtet“, heißt es auf der Internetseite des Verteidigungsministeriums. Warum sollten Fachkräfte aus Italien, Polen oder Rumänien eben diese nicht auch besonders achten und verteidigen? Sie sind Teil einer europäischen Wertegemeinschaft. Hinzu kommt die Philosophie der Bundeswehr: Alle Soldaten sind „Staatsbürger in Uniform“, die Truppe ein Abbild der sich verändernden Gesellschaft. Die Armee unterliegt also einem stetigen Wandel. Konkret zeigt sich dieser daran, dass mittlerweile Frauen Soldaten werden können – gut so.

Geradezu naiv wäre es, die Bundeswehr vor Menschen mit ausländischen Wurzeln oder europäischen Staatsbürgern abzuschotten. Deutschland ist ein Einwanderungsland, diese Menschen leben hier – sie können, wenn sie das wollen, den gleichen Beitrag zur Bündnis-, Landes- und Werteverteidigung leisten wie Deutsche. Darin liegt eine Chance für die Vielfalt der Bundeswehr. Es tut sich für die politischen Spitzen des Staates ein Weg auf, die positiven Seiten der Einwanderungsgesellschaft in den staatlichen Institutionen zu etablieren. Das wäre eine wohltuende Normalität und ein schöner Nebeneffekt des Fachkräftemangels.

KONTRA - von unserem Redaktionsmitglied Jan Kotulla:

Die Idee, dass sich die Bundeswehr für EU-Ausländer öffnet, wäre unter Umständen zumindest diskussionswürdig. Dann müsste aber dahinterstecken, dass die immer bunter werdende Gesellschaft sich auch in der Armee widerspiegeln soll. Oder darum, Migranten besser zu integrieren. Stattdessen geht es einzig darum, Personallücken zu stopfen. Das stößt den Bündnispartner zurecht sauer auf. Zumal der Schritt zum Söldnertum nicht mehr weit ist. Die freien Stellen legen ein grundlegendes Problem der Streitkräfte offen – ihre mangelnde Attraktivität. Für Jahrzehnte galt das Bild des „Staatsbürgers in Uniform“. Während des Wehrdienstes erhielten junge Männer Einblicke in die Abläufe, viele entschieden sich für eine Karriere beim „Bund“. Dieses Modell wurde mit der Aussetzung der Wehrpflicht ad acta gelegt – ohne einen langfristigen Plan zu haben.

Der jetzige Vorstoß macht die Flickschusterei, die das Bild der Bundeswehr seit Jahren prägt, um eine Facette reicher. Zielführender wäre es, eine offene Diskussion über die Zukunft der Armee zu führen. Will man ein Modell wie das der französischen Fremdenlegion, in der jedem nach abgeleisteter Dienstzeit die Staatsangehörigkeit der Grande Nation zusteht? Oder wäre es nicht besser, eine gemeinsame EU-Armee aufzustellen, mit standardisierter Ausrüstung und dem gemeinsamen Ziel, die europäischen Werte zu verteidigen? Ansätze dazu gibt es: Seit Jahren dienen niederländische und deutsche Soldaten gemeinsam. Die deutsch-französische Brigade gilt als Musterbeispiel für die gelungene Kooperation zwischen zwei Armeen.