Kommentar

Späte Einsicht

Marc Stevermüer zum Umgang der DFL mit Holstein Kiel

 

Ein Verein, der aus den Niederungen der 3. Liga kommt, klopft an die Tür zur Bundesliga. Und das alles ohne einen potenten Investor oder Mäzen im Hintergrund. Keine Frage: Bei der märchenhaften Erfolgsgeschichte von Holstein Kiel freut sich jeder Fußball-Romantiker. Und nur wer ein Herz aus Stein hat oder Fan des VfL Wolfsburg ist, fiebert nicht mit dem schleswig-holsteinischen Traditionsverein, wenn er in der Relegation den millionenschweren und von Misswirtschaft geprägten VW-Konzernclub herausfordert. Keine Frage: Holstein hat den Aufstieg verdient – und mit ein wenig Verspätung hat auch die Deutsche Fußball-Liga (DFL) gelernt, dass man die Arbeit bei den Norddeutschen wertschätzen und nicht bestrafen sollte.

In einem Anflug von furchtbarer Arroganz verbot die DFL dem Club bislang, mögliche Erstligaspiele in Kiel auszutragen. Den Funktionären war das Stadion schlichtweg zu klein. Nun soll es für den Fall das Aufstiegs eine Ausnahmegenehmigung geben. Das ist gut so – ändert aber nichts daran, dass die Einsicht reichlich spät kommt und sich die Liga fragen lassen muss, warum sie zuvor so engstirnig daherkam. Mit einem „Nein“ zum Holstein-Stadion wäre ein Verein bestraft worden, der seit Jahren mit Weitblick agiert – und sich eben nicht wie viele andere Clubs in der 3. Liga finanziell übernommen hat. Holstein hat genau das gemacht, was DFB und DFB immer fordern. Der Verein ist organisch gewachsen und hat sich alles selbst erarbeitet – es blieb ihm auch gar keine andere Möglichkeit.

Zweierlei Maß

Denn die Kieler haben keinen Konzern wie VW oder Bayer im Rücken und es gibt auch keinen Mäzen wie Dietmar Hopp oder Dietrich Mateschitz. Doch bei Vereinen wie Wolfsburg, Leverkusen, Hoffenheim und insbesondere Leipzig schaute die Liga in der Vergangenheit nicht so ganz genau hin, da waren die eigenen Statuten fast egal, obwohl von diesen Clubs die „50+1-Regel“ mindestens ausgehöhlt wird. Besonders schlimm ist die DFL-Ignoranz beim Kunstprodukt Leipzig. Ein Verein mit diskutabler Struktur und einem Logo, das dem eines Brauseunternehmens gleicht. Doch das akzeptiert die Liga, weil sie diesen Bundesliga-Standort für ihr Geschäft mit dem Fußball braucht – und Holstein eben nur ein etwas besserer Dorfverein ist. Da wird dann auch schon mal mit zweierlei Maß gemessen.

Es sollte deshalb niemand glauben, dass die DFL mit ihrer Ausnahmegenehmigung fürs Kieler Stadion plötzlich ihr Herz für den Noch-Zweitligisten entdeckte. Vielmehr ging es ihr nach der massiven Kritik nur noch um die eigene Haut. Das Zauberwort lautet Schadensbegrenzung.

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