Kommentar

Spalterische Saat

Karl Doemens verurteilt das Schweigen des US-Präsidenten Donald Trump nach der rechten Gewalt in Charlottesville

Eine Frau war tot, und dutzende weitere Menschen lagen verletzt im Krankenhaus, als Donald Trump endlich vors Mikrofon trat. In den 18 Stunden zuvor waren hunderte Rechtsextreme mit Fackeln und Hakenkreuz-Fahnen marodierend durch ein friedliches College-Städtchen in Virginia gezogen, hatten "Sieg Trump!" gegrölt und die Bevölkerung mit einer bewaffneten Miliz in paramilitärischen Uniformen schikaniert. Doch als der US-Präsident nun endlich auftauchte und um einen direkten Kommentar zum Terror der weißen Rassisten in Charlottesville gebeten wurde, wandte er sich wortlos ab.

Sonst schreckt Trump vor keiner Zuspitzung zurück. Dieses Mal aber zeigte er keine Empörung, wie sie bei einem mutmaßlich arabischen Attentäter unausweichlich gewesen wäre. Und er konnte sich nicht zu einer Verurteilung von weißem Überlegenheitswahn und Neo-Nazi-Parolen durchringen, die von den Trump-Fans der Alt-Right-Bewegung oder vom Ku-Klux-Klan verbreitet werden. Für Stunden fand Trump nicht einmal ein Wort des Mitgefühls für die Opfer. Stattdessen eine abstrakte Absage an die Gewalt "auf vielen Seiten" und ein diffuses Bedauern.

Trumps Schweigen ist kein Zufall. Er selbst hat mit nationalistischen Parolen die spalterische Saat gesät, die nun aufgeht. Und er hat die krebsartige Wucherung des Hasses in der amerikanischen Gesellschaft mit maßlosen Ausfällen gegen seine Gegenkandidatin Hillary Clinton (,,Werft sie in den Knast!"), die Medien ("Feinde des Volkes") und ausländische Straftäter ("Tiere") befördert. Trumps morgendliche Botschaften auf Twitter sind das Aufputschmittel aller Wutbürger und Politikverächter im Land. Der Präsident hat die Spielregeln des politischen Diskurses außer Kraft gesetzt.

Die linksliberale Öffentlichkeit in den USA aber wirkt paralysiert, und Trumps Parteifreunde kuschen. Bislang ist niemand in Sicht, der die verhängnisvolle Entwicklung stoppen könnte.