Kommentar

Spannende Zeiten

Marc Stevermüer zur Situation des FC Bayern

In wenigen Tagen endet beim FC Bayern die Ära eines teils umstrittenen, vor allem aber sehr verdienten Mannes: Uli Hoeneß machte aus dem Verein das, was er heute ist. Und nun hört der Metzgersohn aus Ulm als Präsident auf, verzichtet zudem künftig auf den Vorsitz des Aufsichtsrats. Keine Frage: Da geht einer, der auch Fehler gemacht, vor allem aber viel, nein Einmaliges, geleistet hat. Hoeneß übergibt seinen geliebten Club mit brillanten Bilanzen, die Finanzen stimmen. Doch in sportlicher Hinsicht haben sich die Münchner zuletzt zu viel über die große Vergangenheit definiert, anstatt die Zukunft im Blick zu haben.

Phase des Umbruchs

Im Herbst 2019 ist der FC Bayern deshalb nicht nur ein Verein auf der Suche nach einem Trainer, sondern auch ein bisschen nach sich selbst. Und was die ganze Sache so spannend macht, ist das Ende der Ära an der Führungsspitze. Hoeneß tritt jetzt kürzer, Karl-Heinz Rummenigge übergibt den Vorstandsposten 2021 an Oliver Kahn. Insofern steht nun auch eine Trainerentscheidung von historischer Bedeutung an: Es könnte die letzte des Duos sein, das in der jüngeren Vergangenheit bei dieser Personalie nicht gerade ein glückliches Händchen bewies. Der Rekordmeister hat ein wenig den Kompass, seine Orientierung verloren. Und längst lautet die zentrale Frage ja nicht: Wer wird der neue Trainer? Sondern was möchten die Münchner für einen Trainer?

Der neue Mann auf der Bank soll natürlich viele Titel bringen. Sehr viele sogar. Das ist ja auch irgendwie logisch. Aber was für einen Fußball möchten die Münchner spielen? Und inwieweit überlassen sie dem künftigen Trainer die Entscheidungshoheit, ja sogar die Macht? Das war – drücken wir es mal diplomatisch aus – zuletzt nicht ganz klar, dabei macht doch ein gewisser Jürgen Klopp seit einigen Jahren in Liverpool vor, wie das mit dem Weg an die Spitze funktioniert. An der Anfield Road gibt nur der Trainer die Richtung vor. In München reden hingegen alle mit und seit jeher dürfen die Spieler zum Tegernsee fahren und sich bei Hoeneß ausweinen, wenn sie auf der Bank sitzen. So war es bei Carlo Ancelotti. Und so war es auch bei Niko Kovac. Es habe „Strömungen in der Mannschaft“ gegeben, die „den Trainer weg haben wollte“, gab der Präsident am Samstag zu.

Probleme im Kader

Die Bosse erfüllten im Fall Kovac also den Wunsch der Spieler. Doch erfüllen sie künftig auch einmal die Wünsche des Trainers? Zum Beispiel beim Kader, der recht unausgewogen ist. Im Aufgebot wimmelt es nur so von spielstarken Achtern, aber einen modernen Sechser, der das Zentrum überwacht und noch dazu strategisch klug die Angriffe aufbaut, vermisst man im Aufgebot.

Kurzum: Den Münchnern fehlt ein Fixpunkt in der Mitte des Spiels, die Achse besteht aus Manuel Neuer und Robert Lewandowski. Einem Torwart und einem Stürmer, was das Defizit im Zentrum noch einmal unterstreicht und vor allem eines deutlich macht: Die Bayern brauchen nicht nur einen Trainer, sondern vor allem einen ganzheitlichen Zukunftsplan.

 
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