Kommentar

Spiel mit Unsicherheit

Inna Hartwich bewertet das russische Militärmanöver "Sapad" - Sorge ist berechtigt, Hysterie unnötig

 

Im Juli 2008 hieß die Übung "Kaukasus". An die 8000 russische Soldaten nahmen an dem Militärmanöver im Süden Russlands teil. Nicht einmal drei Wochen später kam es zum fünftägigen Krieg zwischen Russland und Georgien. Ende 2013 wiederum spielten etwa 10 000 russische und weißrussische Soldaten auf fünf Truppenübungsplätzen im Westen Russlands und an der polnischen Grenze in Weißrussland einen Angriff terroristischer Gruppierungen durch. Im März 2014 besetzten russische Truppen die Krim.

Nun also wieder ein Großmanöver der Russen und Weißrussen an der Grenze zu den Nato-Ländern Litauen und Polen, wieder unter dem Namen "Sapad" (Westen). 12 700 Soldaten sind offiziell beteiligt. Westliche Beobachter sprechen gar von 100 000 Soldaten.

Üben sie nur oder ist es die Vorbereitung zu einem Angriff auf die Ukraine, wie die politische Riege in Kiew befürchtet? Nehmen die Russen das Baltikum ein, wie manche Beobachter in Litauen, Lettland, Estland meinen? Oder geht es Russlands Militär um die Suwalki-Lücke, jenes 100 Kilometer breite Gebiet zwischen Litauen und Polen, das eine Verbindung von Weißrussland zur russischen Exklave Kaliningrad bietet? Nato-Militärexperten diskutieren einige Versionen durch, was die Russen mit ihrem "Sapad"-Manöver beweisen und bewirken wollen. So mancher spricht da bereits vom "Trojanischen Pferd".

Die Sorge ist berechtigt, wenn mehr als 10 000 Soldaten mit 250 Panzern, 150 Artilleriegeschützen und Mehrfachraketensystemen, zehn Schiffen der Baltischen Flotte, 70 Flugzeugen und Hubschraubern auf weißrussischem Territorium auflaufen. Hysterie aber ist unnötig. Russland und Weißrussland machen alle vier Jahre ihre "Sapad"-Übungen, selten haben sie ähnliche Reaktionen ausgelöst wie derzeit. Die hitzigen Debatten zeigen vor allem das zunehmende Misstrauen zwischen Russland und der Nato.

Seit der Krim-Annexion ist auf Russland kein Verlass mehr. Eine Eskalation während der "Sapad"-Woche erwartet zwar an sich niemand. Doch weiß man es? Seit die Russen sich nicht mehr um das Völkerrecht scheren, rechnen westliche Militärs und Regierungen im Grunde doch mit allem. Das wissen die Russen. Denn eine solch geschürte Unsicherheit ist von ihnen geradezu gewollt. Es ist eine Haltung nach sowjetischem Vorbild: "Nur wer Angst vor uns hat, respektiert uns."