Kommentar

Sprachgewalt

Bettina Eschbacher ist überzeugt, dass Hass-Botschaften für rechtsextremistische Verbrechen mitverantwortlich sind

Sprache wirkt. In El Paso, USA. In Kassel, Deutschland. Sprache bewegt, sie treibt an, sie hetzt auf – auch zum Töten anderer Menschen. Sprache hilft, Verbrechen zu rechtfertigen, Gewalt zu verherrlichen, Opfer herabzusetzen. Und Sprache wirkt auch, wenn die Worte fehlen – wenn Hetze und Morde nicht klar und deutlich verurteilt werden, wenn geschwiegen oder bagatellisiert wird, wo angeklagt werden müsste.

Mehrfach hat US-Präsident Donald Trump etwa die Worte „Invasion“ oder „einmarschieren“ gebraucht. Dabei bezog er sich auf vermeintliche Horden aus dem Süden, die das Land zu überrennen drohten. Genau diese Wortwahl findet sich in dem Manifest des Todesschützen von El Paso wieder, der mit dem „hispanischen Einmarsch“ das Erschießen von 20 Menschen begründet.

Aber man muss leider nicht über den Atlantik schauen, um die schreckliche Wirkung von Hetze und Hass zu belegen: Der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke wurde seit dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 von bösartigsten Kommentaren durch Rechtsradikale verfolgt. Im Netz wurde er als „Volksverräter“ beschimpft, begleitet von der Veröffentlichung seiner Adresse. Und nachdem er – durch den Kopfschuss mutmaßlich von einem Rechtsextremisten – regelrecht hingerichtet wurde, gab es Jubel im Netz: „Eine widerliche Ratte weniger“, hieß es da zum Beispiel. Genauso funktioniert die Entmenschlichung eines Gewaltopfers. Und selbst nach der schrecklichen Tat waren einige nicht in der Lage, sich unmissverständlich dagegen zu positionieren. Der baden-württembergische AfD-Politiker Wolfgang Gedeon etwa bezeichnete rechtsextremistischen Terror als „Vogelschiss“.

Die abwertende Sprache gegenüber Fremden und Flüchtlingen zielt natürlich auf eine emotionale Ebene, die den Verstand ausschaltet, indem sie Angst und Hass produziert. Zudem verstärkt sie einen Mechanismus, den der Rechtsextremismus-Forscher Daniel Köhler in einem Interview sehr deutlich beschrieben hat: Während die vermeintliche Bedrohung immer stärker wahrgenommen wird, wächst auch das Bedürfnis, „jemand müsste etwas dagegen tun, wir müssen uns wehren“. Köhler nennt den sprunghaften Anstieg von Angriffen auf Flüchtlingsheime 2015 als Beispiel dafür. So wird die Kluft zwischen Wort und Tat überwunden.

Es gibt keine Hoffnung, dass die Politiker, die sich dieser Hetze bedienen, darauf verzichten werden. Ist sie doch ein perfektes Instrument, um Wähler zu gewinnen. Trump wird sie in seinem Wahlkampf für eine zweite Präsidentschaft nutzen. Und in Deutschland stehen in mehreren Bundesländern Wahlen an.

Doch es bewegt sich etwas, zumindest hierzulande: Mehr und mehr werden gefährliche Hass-Botschaften schärfer juristisch verfolgt und gezielter von Internet-Seiten entfernt. Das sind wichtige Schritte. Aber es liegt auch an jedem Einzelnen, sich der Gefahr hetzerischer und gewalttätiger Sprache bewusst zu werden – und sich ihrem Gift zu entziehen.

 
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